
Blinder Hund - ja und ?

Ich bin der Strolch und ich bin blind, ja und ? Das ist ja wohl kein Grund mich nicht zu wollen, oder ? Gut, ich gebe zu, dass ich auch noch bissig bin, weil man mich jahrelang falsch hielt, aber auch so was kann man abgewöhnen.

Meine Pflegestelle hat mir ganz viele Sachen beigebracht, damit ich besser mit meiner Blindheit klar komme. Erstens, hat sie gesagt, soll ich gefälligst meine Nase benutzen - schließlich sei ich ein Hund und die seien Nasentiere!

Dann hat sie mich an Hundekuchen riechen lassen, sie nicht weit von mir ins Gras geworfen und gesagt "such, such". Die anderen Hunde fingen sofort an ihre Nasen ins Gras zu stecken und fleißig zu schnüffeln. Nun, DAS konnte ich auch und machte es nach.

Feste saugte ich die Luft ein und da roch ich ihn plötzlich - den köstlichen Hundekuchen. Ich fraß ihn auf und belohnte mich damit für meinen tollen Naseneinsatz ! KLASSE, das machte Spaß ! Würde ich jetzt öfter mal machen. Mit der Nase konnte man ja tolle Sachen finden !

Durch solche Spielchen lernte ich, dass es sich lohnt die Nase einzusetzen. Zukünftig wollte ich meinem Riechorgan dann mal mehr zutrauen. Mal schauen, ob damit auch andere Sachen finden kann...

Geil, funktioniert ja ! Ich habe die Winnie gefunden. Jetzt kann ich mich ja an ihr orientieren und brauche nur ihrem Duft hinterher zu laufen. Dann brauche ich ja keine Leine mehr, sondern nur einen Führhund und bin gar nicht mehr so auf Frauchen angewiesen. Eine völlig neue Freiheit tut sich auf ! Ich brauche einfach nur den anderen Hunden nachzulaufen.

Mist, jetzt habe ich einen Augenblick nicht aufgepasst und habe die anderen Hunde verloren. Was jetzt ? Wo sind die Andereren ? Wo ist mein Rudel ? Was ist das für ein Geräusch ? Es klingelt ? Das Geräusch kenne ich doch. Das ist der Autoschlüssel von der Pflegemama. Den höre ich doch immer, wenn sie das Auto aufschließt. Mal hinterher.

Jipee ! Ich habe sie wiedergefunden ! Also, merke ! Schlüsselklingeln zeigt mir, wo die Pflegemama ist ! Also kann ich auch meine Ohren gebrauchen ! Toll, was ich alles so kann. Jetzt macht die Pflegemama den Schlüssel mit einem Band um ihren Hals und ich kann immer hören, wo sie ist. Da könnte ich doch mal alleine auf Forschungsreise gehen.

Mist, was ist das ? Der Boden fühlt sich so anders an und Pflegemama ruft "steh". Das Wort kenne ich. Das hat sie mir vorher an der Leine beigebracht. Wenn sie "steh" sagt, dann muss ich anhalten, weil es sonst am Hals ruckt. Also bleibe ich mal lieber stehen.

Jetzt sagt sie "Achtung, Stufe". Was sie damit wohl meint ? Mal vorsichtig schnuppern. Riecht nach Steinen. Huch, der Boden ist weg. Plumps ! Aha, kapiere, wenn Pflegemama sagt "Achtung, Stufe", dann muss ich aufpassen. Bei "Achtung, treppauf" muss ich mit der Nase die Stufe fühlen und hopp machen, dann geht es berghoch. Bei "Achtung, treppab" muss ich mit der Nase fühlen und wenn da nichts ist, dann muss ich ganz vorsichtig mit den Pfötchen fühlen, dann geht es bald bergab. habe ich kapiert. Also besser hören, wenn Pflegemama so ein Kommando ruft.

Dann kann ich ja jetzt auch mal einen Ausflug abseits der anderen Hunde machen. So richtig selbständig und alleine!

Na, offensichtlich bin ich jetzt zu weit zurückgeblieben. Der Trus kommt mich warnen: "Besser Du bleibst bei unserem Rudel, da kann ich Dich besser beschützen !", sagt er. Logo, hat er irgendwie Recht.

Dann vielleicht doch wieder dem Schlüsselklingeln folgen. Finde ich ja nett, dass der Trus mich abgeholt hat.

Dieses Geräusch kenne ich schon. Das ist die Leckerchentüte ! Ob ich auch eines bekomme ? Ist doch gut, dass meine Ohren noch funktionieren. Pflegemama spricht immer so leise mit mir. Da musste ich ja lernen besser aufzupassen. Gut, dass sie das mit mir trainiert hat. Jetzt achte ich viel mehr auf meine Ohren.

Ich passe jetzt viel besser auf Geräusche auf, genau wie die Anderen.

Hmm, hier riecht es aber auch gut ! Mal der Spur folgen. Was das wohl sein mag ?

Ah, ein Hundemädchen ! Riecht die aber gut ! Ist doch gut, dass ich mit den Nasenspielen gelernt habe, meine Nase zu benutzen.

Die riecht aber auch zu toll ! Und die hat so weiches Fell. Meine Größe hat sie auch noch !

Schade, sie ist weggegangen. Dann wälze ich mich aber wenigstens noch mal in ihrem Duft um den mitzunehmen.

Ach, tut das gut, so ein Bad in so einem Duft !

Weil ich noch so bissig bin, benutzt die Pflegemama eine Schlinge um mich anzuleinen. Die kann sie mir locker umlegen und zuschieben, wenn ich mich nicht anleinen lassen will. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, dass dass Anleinen nichts Schlimmes ist, weil ich danach immer gleich ein Leckerchen bekomme.

Jetzt hat die Pflegemama mich durchschaut. Sie hat gemerkt, dass ich das Krabbeln da hinten am Liebsten habe. Dann beiße ich auch gar nicht, sondern tanze lieber "HULA".

Verdammt, jetzt habe ich mich doch kaufen lassen und nicht gebissen. Aber eigentlich ist es ja offensichtlich gar nicht so schlimm, wenn man angefasst wird...? Sollte ich vielleicht öfter mal zulassen.

... die Pflegemama versteht mich wenigstens ! Wenn ich weggehe, dann will ich nicht mehr angefasst werden. Dann brauche ich sie ja eigentlich auch nicht beißen, wenn sie das so akzeptiert.

Meine Pflegemama macht ja manchmal komischen Unterricht mit den anderen Hunden. Hier trainiert sie gerade "Beißhemmung" mit Trus. Er darf nur ganz vorsichtig den Arm nehmen und muss bei "AUS" loslassen, sonst hört sie auf mit ihm zu spielen und das findet er doof. Deshalb beißt er beim nächsten Mal nicht so feste.

Jetzt habe ich so viel gelernt, was mir hilft besser so blind durch das Leben zu gehen. Da kann ich ruhig auch mal wieder alleine auf Erkundung gehen.

Na, merkt man mir vielleicht an, dass ich blind bin ? Ne, also könnt Ihr auch mit ein paar Kommandos einem blinden Hund helfen ganz normal klar zu kommen. Ist gar nicht so schwer. Meine Pflegemama hat von einer Hundetrainerin einen ganz wichtigen Satz gehört:
"Behandeln Sie Ihren blinden Hund nie wie einen Behinderten ! Dann verwöhnen Sie ihn nur, machen ihn unselbständig und unsicher und er kann keine Erfahrungen machen und lernen. Bringen Sie ihm lieber ein paar gescheite Kommandos bei, die ihm helfen alleine klar zu kommen."
Empfohlene Kommandos:
| Steh | bewahrt den Hund davor in eine Gefahr zu laufen |
| Achtung | der Hund wird aufmerksam und vorsichtiger, kündigt das nächste Kommando an... |
| Stufe | warnt den Hund, dass es nun rauf oder runter geht |
| Treppauf | zeigt dem Hund, dass er nun die Pfoten heben muss. |
| Treppab | zeigt dem Hund, dass es nun runter geht. |
| Links vorbei | zeigt dem Hund den Weg vorbei am Hindernis |
| Rechts vorbei | zeigt dem Hund den Weg vorbei am Hindernis |
Übrigens - auch die abgebildete Collie-Schäfermix auf den obigen Bildern ist blind gewesen (sie lebt jetzt leider nicht mehr), sie gehörte der Autorin und jeder, der sie kennen gelernt hat, fragte anschließend: "Was, die ist blind?????" Denn diese Hündin wurde gut trainiert und kam nach kurzer Zeit ebenfalls hervorragend zurecht mit den wenigen oben genannten Hilfsmitteln und Kommados. Sie lief Zeit ihres Lebens weiter ohne Leine, wenn dies gefahrlos möglich war.

Merke: Hunde haben gute Ohren und gute Nasen. Nutzen Sie dies bei einem blinden Hund und niemand wird merken, dass Ihr Hund blind ist.

Auf engen Spazierwegen jedoch war Winnie manchmal abgelenkt und stand dann schon mal im Übereifer fremden Leuten vor den Füßen, die uns dann entsetzt über das schlechte Benehmen des Hundes und des Führers ansahen. Abhilfe brachte ein signalgelbes Halstuch mit drei schwarzen Punkten, ähnlich wie es Blinde als Armbinde tragen. Sofort schlug das Entsetzen um in "ach, der arme Hund ist blind" und die Welt war wieder in Ordnung ;-). Das Bild dieses Halstuches sehen Sie unten bei "Links". Wir haben es bei "rescue-dogs" erstanden
Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten den Hund zu schützen vor unbedachten Zugriffen von oben, die ihn erschrecken könnten.



Das Ganze lässt sich noch steigern, indem der Hundehalter ein solches T-Shirt trägt ;-). Sie erhalten es bei Dog inform - siehe Links

Mäuschen-buddeln geht auch blind wunderbar.

Um sich in Rudeln zurechtzufinden, seien es Menschenrudel oder Hunderudel, dienen Düfte der anderen Hunde. Auch kann man dem sehenden Leithund ein Glöckchen umhängen, dem der blinde Hund folgt. Meist reicht jedoch das klingeln der Tasso + Hundemarke am Halsband, denn Hunde hören viel besser als Menschen.
Der Schlüsselbund am Band um den Hals hat es hier im Tumult eines Hilfstransportes mit vielen Menschen und Hunden möglich gemacht, dass Winnie ihre "Mama" wieder gefunden hat. Die Freude ist groß, aber auch das Selbstbewusstsein des blinden Hundes wächst, wenn er Aufgaben alleine bewältigt.

Mit vielen Hunden - an denen man sich orientieren kann - fällt ein Spaziergang im offenen Gelände auch einem blinden Hund leicht. Doch zunächst sollte der Hund lernen sich an EINEM Menschen oder Hund zu orientieren. Der Schwierigkeitsgrad kann dann gesteigert werden. Vorsicht jedoch bei Großveranstaltungen mit vielen Menschen und Hunden. Der blinde Hund kann bei einer solchen Geräuschkulisse dann oft die Geräusche nicht mehr zuordnen und ist dann rasch überfordert. Dort gibt dann die Leine und ein selbstbewusster, geübter Führer dem Hund die nötige Sicherheit. Wichtig ist dann auch, dass der Hund sich auf seinen Führer verlassen kann, das heißt, er sollte bei anderen Gelegenheiten schon gemerkt haben, dass sein Führer ihn nötigenfalls vor Gefahren schützt.

Winnie fühlte sich sichtlich wohl, obwohl sie blind war.

Erst Jahre später kam "Führhündchen" Toffee dazu. Vorher lernte Winnie sich an mir zu orientieren.

Im Urlaub in fremden Gefilden - kein Problem - auch nicht für einen blinden Hund.

Und wenn man blind ist, besinnt man sich auch wieder mehr auf die Ohren und hört selbst den "Mäusekaffeeklatsch" unter der Erde wieder besser.
Irene Schellenbeck - Tierhilfe Licht im Dunkeln e. V.
Buchempfehlung:


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