
Dachverbände im Tierschutz
Gerade mit den jüngsten Angriffen auf den Auslandtierschutz kam das Thema wieder auf, welches wir bereits in einer unserer Jahreshauptversammlungen zur Debatte gestellt hatten: Ist die Mitgliedschaft in einem Dachverband sinnvoll? Behauptet hatten es einige Kritiker in ihren Kommentaren zu den jüngsten Presseberichten über Beschlagnahmen auf Auslandstransporten. In Leserbriefen wurde behauptet, dass nur ein Auslandtierschutzverein, der einem der großen Dachverbände angehöre, seriöse Arbeit leisten könnte. Zu erkennen sei dies an dem Mitgliedssiegel auf der Homepage oder im Briefkopf.
Diese Behauptung ist ebenso hirnlos als wenn man behaupten würde, ein Koch könne nur dann gut kochen, wenn er bei Johann Lafer angestellt ist oder ein Fußballspieler könnte nur dann gut Fußball spielen, wenn er einem Verein angehört, der in der Bundesliga spielt. Wenn man bedenkt, dass es aber Köche gibt, die einfach nur aus Leidenschaft kochen, nicht in einer Großküche arbeiten möchten und lieber in beschaulichem Rahmen ihre Kreativität entwickeln möchten und es auch Fußballspieler gibt, die lieber ortsansässig bleiben möchten und gar keine Profispieler, die um die Welt reisen sein möchten, so müsste einem jeden Leser aufgehen, dass die Zugehörigkeit zu einem Dachverband keine Garantie für gute Tierschutzarbeit ist.
Da es aber Menschen gibt, die dem viel Bedeutung beimessen, ob man ein "Zugehörigkeitssiegel" zu einem Dachverband auf seiner Homepage stehen hat, haben natürlich auch wir uns damit auseinander gesetzt, ob eine Mitgliedschaft in einem der großen Dachverbände (z. B. Bund gegen den Missbrauch der Tiere, Deutscher Tierschutzbund, Deutsches Tierhilfswerk, Europäischer Tier- und Naturschutzbund, Terra Mater, Bundesverband Tierschutz und ... viele andere) für uns sinnvoll wäre. Schließlich kann solch eine Zugehörigkeit auch Vorteile haben - mal abgesehen von dem reinen "Zugehörigkeitssiegel" was man dann auf der Homepage und im Briefkopf anbringen könnte.
So bieten einige große Tierschutzverbände schon interessante Leistungen für ihre Mitglieder:
Es werden Schulungsangebote für die Mitglieder angeboten, die sonst schlecht zu finanzieren wären.
Schulungsräumlichkeiten werden gestellt.
Rechtliche Hilfen bei Prozessen werden zugesagt.
Fahrzeuge für Informationsveranstaltungen werden geboten.
Unterstützung und Hilfen bei Tierschutzproblemen werden versprochen.
Man kann von den großen Sachspendenlieferungen und aufgestellten Sammelboxen in Geschäften profitieren.
Alles sehr interessante Angebote, die es natürlich speziell für unseren Verein zu prüfen galt. Die Prüfung muss dabei zunächst davon abhängig gemacht werden, ob sie zur eigenen Satzung passt, denn in der Satzung haben die Mitglieder festgelegt, welche Ziele der Verein verfolgt und es wäre widerrechtlich und hirnrissig sich einem Dachverband anzuschließen, dessen Satzungsinhalt sich nicht mit der eigenen Satzung deckt. Und genau da begann unser Problem. Auslandstierschutz als Inhalt wurde gleich bei einigen generell abgelehnt. Schon als wir die Satzungen der Vereine anforderten, erlebten wir witzige Geschichten. Mehrfach wurde uns gesagt, dass wir die Satzung erst dann bekämen, wenn wir Mitglied seien ????????????????? Hallo! Dann bekommen wir sie automatisch, aber sie interessiert uns doch vorher, wie sollen wir sonst unsere Prüfungen vornehmen? Was gibt es für einen Grund die Einsicht in die Satzung zu verweigern, die in jedem öffentlichen Vereinsregister eingesehen werden kann? Welche Staatsgeheimnisse befinden sich denn darin? Wer möchte denn schon Mitglied werden in einem Verein, deren Aufgaben und Zielsetzungen er nicht kennt?
Weiter ging es. Wir forschten nach den Beitragshöhen der Dachverbände für Vereine. Nicht nur, dass wir bei manchen davon Schnappatmung bekamen, weil die Mitgliedsbeiträge in überhaupt keinem Verhältnis zu den - von uns - nutzbaren Vorteilen standen, nein, manche Mitgliedschaften zogen auch noch automatisch und absolut ungefragt eine Mitgliedschaft in einem weiteren Verein nach sich. Hallo! Wer will denn schon ungefragt gleich Mitglied in zwei Vereinen werden?
Dann prüften wir die Leistungen für Mitglieder, die schon recht interessant bei manchen Anbietern klangen. Als wir dann aber ins Detail gingen und feststellten, dass die versprochenen Leistungen dann an etliche WENNS und ABERS gekoppelt waren und gar nicht so selbstverständlich zu beziehen seien, konzentrierten wir uns auf die Leistungen, die in jedem Fall für uns -als Verein- nutzbar gewesen wären. Und wie kann man so etwas reeller prüfen als wenn man jahrelange Mitglieder eines Dachverbandes danach befragt, wie es denn mit den Leistungen auch in der Praxis aussehen würde. So befragten wir etliche alteingesessene Tierschutzvereine, die Mitglieder in Dachverbänden sind und bekamen dabei Auskünfte, die uns die Sprache verschlugen.
So gab es Tierheime, die schwere Krisen hinter sich hatten. Das Futter war knapp, die Gebäude marode, der Tierbestand zu hoch und die sich in ihrer Verzweiflung an "ihre" Dachverbände gewandt hatten. Bass erstaunt vernahmen wir, dass eine Unterstützung des großen und reichen Dachverbandes nicht zu kriegen war. Etliche Auflagen waren zur Bedingung gemacht worden und doch war im Endeffekt keine effektive Hilfe gekommen. Im Gegenteil, einige sowieso schon überfüllte Tierheime waren von ihren Dachverbänden verpflichtet worden, anderen Tierheimen den Tierbestand abzunehmen. Das hätte uns noch gefehlt, dass sich von außen jemand einmischt und uns vorschreibt, wie viele Tiere wir aufzunehmen haben! Jeder verantwortungsbewusste Tierschutzverein nimmt - wenn irgendwie möglich - nur die Anzahl von Tieren auf, die er ordnungsgemäß versorgen kann und KEINESWEGS mehr. Klar kann auch dies - insbesondere bei städtischen Tierheimen - einmal kurzfristig überschritten werden, weil unvorhergesehen viele Fundtiere oder Beschlagnahmetiere aufgenommen werden müssen, um die städtischen Förderungen nicht zu verlieren, aber wirklich nur kurzfristig! Denn Tiere, die nicht ordnungsgemäß versorgt werden können, weil es an Futtergeld, Geld für den Tierarzt oder an anständigen Gebäuden mangelt, wo sind die tierschutzgerecht untergebracht? Und als Tierschutz bezeichnen wir doch das, was wir machen, oder?!
Wir hörten von Tierheimen, die nicht mal genug Futter aufbringen konnten in Notzeiten und die keinerlei Unterstützung ihres Dachverbandes bekommen hatten und im Endeffekt mit Privat-PKWs zu Metzgern und Jägern betteln fuhren, damit sie ihre Zöglinge weiter versorgen konnten. Und wir hörten von Tierheim ähnlichen Einrichtungen, denen man den Auslandstierschutz schlicht vom Dachverband aus verboten hatte, obwohl der Dachverband selbst Werbung mit Auslandstierschutz machte. Wir hörten von seltsamen Auflagen der Dachverbände, die ihren Mitgliedern abverlangten Tiere zu töten, die zwar noch Lebensqualität hatten, aber chronisch krank waren - vermutlich um Tierarztkosten flach zu halten, die die Dachverbände sowieso nicht mal übernahmen. Wir hörten von Mitgliedern aus Dachverbänden, dass man sie zwar bei Prozessen unterstützte, sie aber so beriet, dass zwar ein Fortschritt im Gesetz für den Dachverband heraussprang, nicht aber für den betroffenen Verein selbst und dafür lediglich eine lächerliche Beteiligung an den Prozesskosten vom Dachverband übernommen wurde.
Nach wochenlanger Prüfung hatten wir nicht einen Dachverband gefunden, der sich wirklich für unsere Arbeit oder Mitgliedschaft interessierte oder wie haben wir es zu werten, dass man uns oftmals Rückrufe versprach, die nie erfolgten, Mails von uns nicht beantwortet wurden und wir kaum Ansprechpartner fanden, um Rückfragen zu klären? Fast alle jedoch waren sehr rasch dabei uns ihre Mitgliedbeitragsätze mitzuteilen oder Aufnahmeanträge zu übersenden, obwohl sogar das bei einigen nicht klappte und wir bis heute darauf warten.
Wir kamen insgesamt zu dem Entschluss, dass uns alleine ein Siegel "Mitglied im ...." auf der Homepage bei der Tierschutzarbeit nicht weiter bringt und wenn jemand seine Mitgliedschaft bei uns davon - vor diesem geschilderten Hintergrund - abhängig macht, dass er darauf besteht, derjenige in einem anderen Verein bestimmt glücklicher wird. So wurde es dann auch in unserer Mitgliederversammlung beschlossen. Bisweilen begnügen wir uns damit unsere Aufgaben satzungsgemäß zu erfüllen und machen Tierschutz! Bei all dem blieb uns auch heftig verborgen, welche UNSERER Arbeiten mit einem Mitgliedssiegel unseren Mitgliedern eine Kompetenz oder Qualität garantieren würden. Einzig die Schulungsmöglichkeiten, die man ja auch nicht wahrnehmen muss als Mitglied, könnte ein gewisser Garant sein. Nun, die Sachkundeprüfung nach § 11 TierschG haben wir dann auch als Nichtmitglied aus eigenem Interesse gemacht und besuchen lieber zukünftig freiwillige Schulungen bei kompetenten Seminarleitern und Tierärzten. Das können wir nämlich auch ohne Dachverband, wir bezahlen halt nur aus unseren eigenen privaten Portemonnaies ein wenig mehr dafür und buchen gelegentlich selbst eine Räumlichkeit dafür. Dafür haben wir aber dann aber auch eine Garantie nur an Seminaren teilzunehmen, wo wir unsere Hunde - die wir ja auch noch betreuen müssen - mitnehmen können.
Wir wüssten eine Menge Verbesserungsvorschläge für Dachverbände, um wirklich eine gewisse Qualität in der Tierschutzarbeit ihrer Mitglieder sicher zu stellen, aber solange dies nicht reformiert wird, sehen wir keinen Sinn in einer solchen Mitgliedschaft ALS VEREIN.
Wir möchten aber nicht unerwähnt lassen, dass diese großen Tierschutzdachverbände eine Menge für die Tiere erreicht haben und sicher noch erreichen werden und durchaus für andere Vereine eine Daseinsberechtigung haben. Sie benötigen dringend Unterstützung bei ihrer Arbeit für ALLE Tierarten, ALLE Arten von Tierproblemen und die unterschiedlichsten Gesetzesweiterentwicklungen. Dies allerdings kann auch damit erreicht werden, dass man als Tierfreund Einzelmitglied in einem solchen Verband wird. Denn wenn wir einen großen Teil IHRER Mitgliedsbeiträge für eine solche Mitgliedschaft ausgeben sollen, dann müsste UNSEREM Verein schon mehr geboten werden.
Irene Schellenbeck
Tierhilfe Licht im Dunkeln e. V.