Monika & Rüdiger - zwei Schweine ziehen um

Der Auftrag klang einfach: Zwei Hängebauchschweine sollte der Verein abholen und in ein neues Zuhause bringen. Das neue Zuhause hatte der Tierschutzverein - damals arbeitete ich noch für Tiere in Not Langenberg e.V. - bereits gefunden: Ein gut gepflegter Bauernhof, der von tierlieben Menschen fachkundig geführt wird.

Na ja, nicht soooo schwierig, dachten zwei unserer unermüdlichen Tierschützerinnen und fuhren - bewaffnet mit Futter, einem zugkräftigen PKW und einem Tieranhänger - los um den Auftrag mal eben zu erledigen. Sollten doch am Abholplatz noch Helfer vorhanden sein ...

Stunden später...

... ein Anruf bei dem damaligen "Obmann für Sonderaufgaben" bei Tiere in Not Langenberg e.V.:

"Wir brauchen hier viiiiiiel mehr Helfer vor Ort, die HängebauchschweinCHEN wiegen 40 und 60 kg, die Straße ist eine reine Wohnstraße und so schmal, dass der geparkte Hänger schon den gesamten Verkehr blockiert, die Schweine wollen unser Futter nicht, der Eber mag uns nicht und greift an, wenn wir zu nah kommen, die Schweine müssen `zig Stufen rauf und runter - durch einen möblierten Reihenhausflur - getrieben werden, ohne Beruhigungsmittel büchsen die aus und rennen noch auf die Straße und der örtliche Tierarzt hat gerade keine Zeit weil er anderswo dringende Fälle hat !"

Nun zeichnet es einen guten "Obmann für Sonderaufgaben" aus, dass er nicht nur in kürzester Zeit Helfer organisieren kann, sondern auch, dass er eine vernünftige Bestandaufnahme macht, bevor er mit der Organisation beginnt.

Was war geschehen ? Nun, eine tierliebe Dame hatte sich vor Jahren ein niedliches, kleines Hängebauchschweinchen für wenige Mark auf dem Viehmarkt in Lüttich gekauft und es Monika genannt. Sie hatte das niedliche, kleine "Händchen-voll-Minischweinchen" durch ihr Reihenhaus getragen und hinten im Garten einen Pferch mit großem Stall für es angelegt.

Klein-Moni

Später kaufte sie zur Gesellschaft Schweinchen Rüdiger dazu, ließ ihn kastrieren, damit kein ungewollter Nachwuchs käme und päppelte die Beiden liebevoll. Binnen kürzester Zeit wurde erkennbar, dass es sich weder bei Monika, noch bei Rüdiger - wie vom Händler versprochen - um Minischweine handelte, denn sie wuchsen zu stattlichen Brocken heran. Sie liebten ihr Frauchen abgöttisch und dankten die gute Behandlung mit unglaublicher Zutraulichkeit. Frauchen musste nur rufen und die beiden Süßen kamen grunzend angeflitzt und folgten ihr auch gelegentlich brav über die Stufen ins Haus um in der Küche zu "helfen".

Monika & Rüdiger im Flur des Reihenhauses

So weit so gut !

Monika & Rüdiger im Pferch

Anfangs war Rüdiger noch kleiner...

Monika & Rüdiger wurden kräftige, ausgewachsene Hängebauchschweine - und wir reden hier von Hängebauch - nicht von Göttinger Minischweinchen !

... aber er wuchs, und wuchs, und wuchs !

Klein-Rüdiger im Schnee

Nun wurde das Frauchen krank und musste für längere Zeit ins Krankenhaus. Aber Herrchen hatte längst nicht so ein Vertrauensverhältnis zu den Beiden und musste nun obendrein den Haushalt ohne Ehefrau meistern. So entschloss man sich - schweren Herzens - über den Tierschutz eine neue Heimat für Monika & Rüdiger zu suchen.

Moni im Garten

Als der Obmann noch von der Menge der zu überwindenden Stufen hörte und den Verlademöglichkeiten auf einer offenen, kleinen, engen Wohnstraße, war seine Antwort auf den Hilferuf der Tierschutzkollegen kurz und knapp:

"Aktion sofort abbrechen ! Wir machen das Morgen in aller Ruhe - jetzt sind die Schweine eh kirre von den fehlgeschlagenen Versuchen."

Der Hänger wurde beim örtlichen Tierarzt gelassen, der telefonisch noch versprach am Abend ein Beruhigungsmittel für die Tiere bei den Haltern vorbei zu bringen, während der Obmann die "Crew" für den nächsten Tag zusammenstellte, Wegbeschreibungen heraussuchte, Seile und Bretter zusammenpackte und eine Helferin köstliches Schweinelockfutter aus Hundefutter, Nudeln, Gemüse und SPECK (makaber, aber wirklich ein gutes Lockmittel) kochte. Eine weitere Helferin stellte den Picknickkorb für die Crew zusammen, denn meinst kommt man bei solchen Aktionen erst Stunden später zurück an den heimischen Tisch, der sich leider nicht - wie im Märchen - auf Zuruf selber deckt.

So fuhr die vierköpfige Crew gut vorbereitet am nächsten Tag gen Schweine. Der Tierarzt kam gleich mit, um die Wirkung des Beruhigungsmittels zu begutachten. Es war den Schweinen gut bekommen und zeigte NULL !!!! Wirkung, wie der flüchtende, atemlose Tierarzt nach einem rettenden Sprung über das Gatter des Schweinepferches in den sicheren Garten feststellte.

Der "Obmann" bei der Denkarbeit. Gut, dass er auf einem Hof mit vielen Schweinen groß geworden war und die nötige Erfahrung mitbrachte !

Das gut duftende Futter lockte die misstrauischen Schweine zwar aus dem Stall und wurde gern gefuttert, aber es half beim gefahrlosen Verladen leider herzlich wenig, weil gleich darauf die Rückkehr in den Stall erfolgte. Rüdiger bewachte wütend seine geliebte Monika und ließ die Helfer nicht heran. Nachdem alle Versuche des liebevollen oder energischen Lockens und Treibens scheiterten, griff der Tierarzt zur LETZTEN Möglichkeit und jagte per Pusterohr Narkosepfeile in die Schwarte der Schweine.

Leider ließ auch dies die Schweine völlig unbeeindruckt. Rüdiger spielte erneut "Fangen" mit dem schnell flüchtenden Veterinär und Monika suchte Schutz im Stall.

Erst Stunden und je drei Narkosepfeile später - der Veterinär hatte bereits all seinen weiteren Termine telefonisch verschoben - warf sich Rüdiger plumsend und grunzend in den Dreck, um ein erzwungenes Nickerchen zu halten. Die kleinere Monika blieb von der Narkose gänzlich unbeeindruckt ! So wurde der schlafende Rüdiger auf ein Brett gezerrt und von vier schwitzenden, keuchenden Helfern, unter dem besorgten Blick von Monika, gen Hänger gezerrt. (Ja, ja, es gab ursprünglich noch mehr freiwillige Helfer, die der Halter in die Küche beordert hatte, aber leider waren sie "spurlos verschwunden" nachdem die Schweine die ersten Attacken ausgeführt hatten.) Das Brett als praktische Unterlage nutzend, überwand das Team mit Rüdiger die zahlreichen Stufen treppauf - treppab und durch den möblierten Flur gefahrlos. Monika wurde von Helfern mit Verschalungsbrettern langsam hinterher geschoben.

Auf der Straße - gleich hinter den letzten 15 !!! Stufen einer Treppe vor der Haustür, standen der abgekoppelte Hänger, weich und dick mit Stroh gepolstert und zwei weitere Helfer, die mit Mülltonnen !!! (Lachen Sie nicht, es gab nichts anderes...) und Brettern alle Lücken zur Straße versperrten und den verärgerten, im Stau stehenden Autofahrern den Grund für den Stau auf der engen Wohnstraße erklärten.

Die enge Straße: Rechts über dem roten PKW die Stufen zum Eingang. Hier mussten die Schweine herunter..., aber bitte nicht freilaufend in den Verkehr ...!

Rüdiger wurde unter massivem Kraftaufwand - schlafend auf seinem Brett - in den Hänger gezogen, während Monika nun doch plötzlich mit Volldampf zum Stall zurückkehren wollte. So musste die hellwache Monika in "Wild-West-Manier" mit dem Lasso gefangen, gefesselt und laut quiekend, die Reise zum Hänger antreten. Wütend sprang sie die Helfer an und schrie dabei wie am Spieß ! Erst im Hänger merkte man ihr die Erschöpfung ( oder Narkose ??? ) an und sie ließ sich neben Rüdiger nieder.

Wir lösten die Fesseln im Hänger und der besorgte Tierarzt spritzte Rüdiger noch rasch ein Kreislauf unterstützendes Mittel, weil er doch gar so tief schlief. Er wünschte gerade eine gute Fahrt als Monika ihn mit wütendem Angriff energisch über die (geschlossene) Hängerklappe hinausbeförderte. (Hatten Sie schon mal eine schwere, massive Holztür, einen Veterinär und ein Hängebauchschwein auf der Schulter ? Mussten Sie schon mal in Sekundenbruchteilen entscheiden - Veterinär oder Sicherheit der Anwohner und des Schweins, was ist wichtiger ? Ich entschied mich für Sicherheit und Schwein und der arme Veterinär musste über die geschlossene Klappe.)

Besorgt erfragte der atemlose Tierarzt, ob der Tierschutzverein auch wirklich "Hängebauchschwein-erfahrene" neue Halter gefunden hätte und wies darauf hin, dass gerade die Eber extrem gefährlich werden können, wenn man nicht jährlich die Eckzähne unter Narkose kürzen lassen würde. Er wies auch auf die extreme Sprungkraft der Schweine hin (brauchte er nun wirklich nicht, wir hatten die Angriffe von Monika ja bereits im Garten erlebt) und versicherte sich, dass das Tierschutzteam die obere Plane des Hängers gut vertäut hatte.

Gut vertäut und wieder angekoppelt !

Zugfahrzeug und Hänger - fertig zur Abfahrt !

Der Hänger wurde angekoppelt, die Schweine schliefen endlich und unser Team aus drei Erwachsenen, einem Teenager und einem Hütehund konnte aufatmen. Verschwitzt, abgekämpft vom Ziehen der 40 bzw. 60 kg-Schweine, konnte endlich der Picknickkorb geplündert werden. Dann traten die Schweine ihre Fahrt in die neue Heimat an.

Ein Picknickkorb für hungrige Tierschützer

Auch unser Hütehund macht Picknick. Der Tierschutznachwuchs hat es schon gelernt: Erst die Tiere, dann wir !

Die "Schweine-Crew" - nur der Obmann fehlt, denn der Abgabevertrag muss ja auch noch geschrieben werden.

In der neuen Heimat angekommen wurde Rüdiger - immer noch schlafend - auf seinem Brettschlitten in den neuen Stall gezerrt. Monika war sofort wieder hellwach und folgte laut quietschend - mit Angriffen und wilden Sprüngen auf die Helfer. So war das Team heilfroh, dass hier der Hänger gleich bequem vor das große Stalltor gestellt werden konnte und keine Ausbruchgefahr bestand.

In der neuen Heimat angekommen: Jetzt geht es ans Ausladen ...

... wenigstens erwartete uns hier ein großes Stalltor - ohne Stufen vor dem Eingang !

Dankbar nahm das Tierschutzteam anschließend in der Küche des Bauerhofes Platz und ließ sich mit Kaffee versorgen. Schon beim Verladen blieb die "Hängebauchschweinroutine" der neuen Tierhalter nicht verborgen und nun hörten wir so manche nette Schweinegeschichte aus dem Munde der neuen Halter. Gern zeigte man uns anschließend die anderen Tiere sowie den Hof und das Außengelände, dass Monika und Rüdiger - nach der Eingewöhnungszeit - gleich vom Stall aus betreten könnten.

Das neue Zuhause von Monika & Rüdiger: Der Stall von hinten, wo nach Eingewöhnungszeit der Schweineauslauf eingezäunt wird.

Rüdiger, den wir gut mit Stroh zugedeckt hatten, damit er aufgrund der Narkose und des ruhig gestellten Kreislaufes nicht fror, lag auch nach einer Stunde noch stöhnend auf der Seite. Monika stupste ihn mit dem Schnäuzchen liebevoll aufmunternd an. Sie räumte das Stroh um seine Füße und von seinem Körper weg und versuchte Rüdiger auf zu helfen. Als sie ihren Misserfolg wahrnahm, holte sie aus allen Ecken des Stalles neues Stroh im Mäulchen, deckte ihren Rüdiger liebevoll wieder zu, stopfte das Stroh mit dem Schnäuzchen fest und legte sich dicht an Rüdiger um ihn zu wärmen und ihm beiseite zu stehen.

Diese Szene beobachten zu dürfen war Entschädigung genug für einen langen und anstrengenden Tierschutzarbeitstag !

Gleich am nächsten Morgen erfuhren wir, dass Monika sich von den neuen Haltern bereits streicheln und aus der Hand füttern ließ und Rüdiger wieder den Weg auf seine Füße gefunden habe. Inzwischen haben sich beide gut eingelebt, wie die Nachkontrolle bestätigen konnte.

Text: Irene Schellenbeck

Fotos - mit freundlicher Genehmigung - von M. u. R. Powley

Wir warnen dringend vor der Anschaffung von Hängebauchschweinen oder Hausschweinferkeln für Jubileen, als Partygag, Glücksbringer oder als Haustier !

Diese Tiere sind NUTZTIERE, die NUR auf Bauernhöfe und in Tierparks gehören, wo FACHKUNDIGE LEUTE diese Tiere ARTGERECHT halten.

Leichtsinnig gekaufte niedliche, kleine, ANGEBLICHE MINISCHWEINE, entpuppen sich oft als normale Hängebauchschweine, die viel Platz, Artgenossen, artgerechte und vor allem AUSBRUCHSICHERE, weiträumige Gehege benötigen und enden so oft zwangsläufig in Tierheimen. Die Tierheime ersticken bereits in unbedacht angeschafften Schweinen !

Gerade Eber können mit ihren starken Eckzähnen SEHR GEFÄHRLICH werden. Sie können einmal jährlich - unter Vollnarkose - die Eckzähne beschliffen bekommen.

Die Tiere sind meist bei ihren Pflegern anhänglich und lieb, aber Fremden gegenüber ANGRIFFSLUSTIG ! Fällt ein vertrauter Pfleger aus, kann dies für Ersatzpfleger GEFÄHRLICH werden.

Diese Tiere gehören NUR in die Hand von erfahrenen Haltern. Sie zerstören vieles und können auch für Tiere in der Nachbarschaft eine große Gefahr darstellen !!!