Suche nach Luna

oder

... was Tierschützer eigentlich nachts so machen

Was für ein Traum ... sämtliche Alarmsirenen bohren sich in meinen Schädel! So langsam komme ich zu mir. Ach, das Handy verursacht diesen Krach! Müde schaue ich auf die Uhr... 1:30 Uhr - mitten in der Nacht! Oh, verdammt, das könnte wichtig sein. Ich grabsche müde nach dem Telefon: "Schellenbeck, Tiere in Not Langenberg" (die Geschichte stammt noch aus der Zeit als wir noch keinen eigenen Tierschutzverein hatten). "Ich bin hinter ihrem Hund her", ruft eine männliche Stimme atemlos in mein Ohr. Sofort bin ich hellwach: "Nicht fangen, nicht jagen, sie ist zu scheu, nur folgen und Standort durchgeben, bitte! Wo sind Sie?" Der Anrufer gibt mir die Beschreibung der Örtlichkeit durch. Sofort versuche ich mit den drei anderen Telefonen vor meiner Nase gleichzeitig unsere Tierschützer vor Ort auf seine Spur zu setzen und dabei Socken anzuziehen. Sie hören das Telefon nicht. Schließlich suchen wir Luna, die entlaufene Hündin schon seit 4 Tagen und genau so vielen Nächten und das machen auch die Körper von engagierten Tierschützern langsam nicht mehr mit.

Die ängstliche, scheue Hündin war von uns vermittelt worden und sollte sich zur Zeit eigentlich bei uns in Urlaubspflege befinden, während Frauchen in Spanien ahnungslos Urlaub genoss. In dem täglichen Chaos der Tieraufnahmestation hatte Luna eine Pflegerin fast umgerannt und es geschafft aus der Tür zu witschen. Ein menschliches Versagen wie es in jedem Beruf vorkommt, nur leider mit fatalen Folgen für das arme Lebewesen, dass nun bei brütender Hitze - ohne Wasser und Futter - unterwegs auf der Straße war. Seither suche wir sie per Flugblattaktion. Und nun endlich wieder eine "heiße Spur".

Um Gottes Willen, verlieren Sie die Hündin nicht, bleiben Sie dran!", sage ich zwischendurch dem Anrufen, dessen Akku sich bald verabschieden wird, und lasse mir rasch den neuen Stand- bzw. Laufort durchgeben. Nach 5 Minuten gelingt es mir eine unserer Langenberger Tierschützerinnen über ein anderes  Telefon zu erreichen. Die Arme wirft sich im Schlafanzug (Klamotten wild drüber gezerrt) ins Auto und versucht nach Beschreibung den hunde-verfolgenden Anrufer zu finden. Nachdem ich über die weiteren schrillenden Apparate alles in Gang gesetzt habe, mache ich mich selbst auf, von Wuppertal nach Velbert, um die Hundesuche zu unterstützen. Natürlich ebenfalls im Schlafanzug - mit Jeans drüber. Meine verschlafene, treue Hündin folgt mir höchst unwillig.

Inzwischen ist das Handy des Anrufers mangels Akku abgestürzt, aber ich habe Kontakt zu unseren Autofahrern, die mir den derzeitigen Standort des Hundes - oder besser gesagt: Laufort des Hundes - durchgeben. Ich schaffe die Fahrt in 10 Minuten bis zu Möbel Rehmann in Velbert. Eine Fahrt, die mich später teuer zu stehen kommen soll - als der Bußgeldbescheid vom Blitzer der B 224 eintrifft.

Jetzt erhalte ich Anweisung per Handy: "Verdammt, schneid´ ihr den Weg ab! Sie ist mir entwischt und läuft genau auf Deine Fahrtrichtung zu!", schreit unsere Vorsitzende in den Apparat und gibt mir die Laufrichtung durch. Luna hatte sie grinsend mit 40 km/h !!! vor dem Auto herlaufend in eine Sackgasse gelockt und bevor sie das Katzennetz aus dem Fenster über den Hund werfen konnte, hatte Luna gedreht und war in Gegenrichtung verschwunden.

Ich rase in ein - mir völlig unbekanntes - Gebiet in Richtung Heiligenhaus. Vielleicht gelingt es uns ja jetzt Luna nach Hause Richtung Heiligenhaus zu treiben? Die Uhr im Auto zeigt inzwischen 2:15 Uhr! Meine Hündin hinten im Auto stöhnt. Muss Frauchen denn die Kurven so schnell fahren, dass man nicht schlafen kann ?

An einer Tierklinik treffen wir uns mit drei Suchfahrzeugen auf der Wiese und leuchten das Gelände ab. Unsere Kassiererin hat inzwischen den armen, jungen Mann aufgelesen und nach Hause gefahren, der Luna zu Fuß viele, viele Kilometer verfolgte und uns auf dem Laufenden hielt. Eine Glanzleistung dieses jungen Mannes! Luna ist gerade spurlos vor unserer Nase verschwunden. Die "Chefin" hat Tränen in den Augen. Es wäre eine Chance gewesen...

Eine Woche lang suchten wir Luna und wären ohne die Mithilfe der Bevölkerung über die Flugblattaktion aufgeschmissen gewesen. Allein einen ganzen Tag hatten wir mit mehreren Autos auf den Autobahnen B 224 und A 44 verbracht, als Luna auf die Autobahn lief und sich im Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen verschanzte. Jeweils vier Autos patroullierten auf den beiden Autobahnen in beiden Fahrtrichtungen, erhielten ihre Anweisungen von Helfern, die zu Fuß die Brücken über der Autobahn sicherten und von dort die Fahrbahnen einsahen. So warnten wir den Verkehr vor der mehrfach kreuzenden Luna und verhinderten, dass die Hündin überfahren wurde und schwere Unfälle geschehen konnten.

Taxifahrer aller anliegenden Taxizentralen gaben uns regelmäßig Lunas Standorte durch. Anrufer aus der Bevölkerung ließen uns die Aufenthaltsorte von Luna einkreisen. Nachbarn und Freunde der Familie von Luna halfen, sie in ihr bekannten Gärten anzufüttern. Die Polizei, die Feuerwehr, alle halfen, wenn Luna in Sicht kam, sie zu fangen. Aber die kleine, mallorcinische Jagdhündin war einfach zu schnell und zu scheu. Selbst die vertrauten ehemaligen Pfleger kamen nicht an sie heran.

So waren wir um so dankbarer, dass sich alle Jagdaufseher, Jagdpächter und Jäger voll auf unsere Seite stellten. Sie glaubten uns ohne weiteres, dass Luna nun wirklich nicht jagt und unterstützten nicht nur die Suche - sie schossen vor allem nicht auf die Hündin, die etliche Jagdgebiete auf ihrer Tour durchkreuzte.

Viele Menschen halfen uns ca. 4000 Flugblätter zu kopieren und etliche Helfer verteilten diese in vier anliegenden Städten. Trotz brütender Hitze fanden sich täglich ca. 10 bis 15 Helfer ein, die mit Fahrrädern, Motorrädern, Autos und per Fußstreife Luna suchten. Wir danken bei der Gelegenheit der Feuerwehr Velbert, die uns ihr Außengelände und ihren Parkplatz als Einsatzzentrale zur Verfügung stellte, wo wir uns täglich in der Abenddämmerung trafen und die Einsatzkräfte aufteilten.

Wir danken allen Helfern, die tagsüber in ihren Autos schwitzten und nachts über dunkle Friedhöfe liefen. Wir danken unseren Hunden, die bei der Suche halfen und oftmals länger warten mussten, bis sie an der Einsatzzentrale wieder frisches Wasser bekamen. Wir danken allen Anwohnern, die uns halfen Luna anzufüttern, um sie in einem Bereich festzuhalten.

Warten auf die Dämmerung - scheue Hunde laufen im Morgengrauen und in der Abenddämmerung

In den Wartezeiten werden die Pflegehunde trainiert, sie lernen sitz, platz und lernen mit anderen Hunden verträglich zusammen zu sein

Dank der Feuerwehr gab es einen guten Treffpunkt mit genügend Parkplätzen - Einsatzzentrale, die Suchhunde treffen ein

Müde, verzweifelte Tierschützer - die Sorge um die entlaufene Hündin quält

Nachdem wir mit all dieser Hilfe endlich die nächtlichen Fluchtwege von Luna kannten und wussten, dass sie auf dem Friedhof Wasser und an einer Igelfütterungsstelle Futter fand, nachdem es uns gelungen war, Luna endlich an einem festen Platz anzufüttern und die Lebendfalle bereits ins Auto verladen war....

....ein Anruf aus Heiligenhaus:

Soeben war Luna zu Hause eingetroffen. Ein Nachbar hatte sie gesehen und ihre Familie benachrichtigt. Eine Verwandte war schnell auf Socken zur Tür gerannt, hatte diese geöffnet, Luna e i n M a l gerufen und die Dame Luna war - als wäre es das Selbstverständlichste der Welt - hereingestiefelt und hatte sich gefreut, wieder zu Hause zu sein! Unbegreiflich! Und wir dachten doch, dass sie den langen, unbekannten Weg nach Hause nicht finden könnte!

Eine verdammt lange Zeit hatte sie uns in Atem gehalten. Hunderte von Euro hatte die Suche verschlungen - allein an Benzin- und Handykosten. Mehr als eine Woche ließen viele Tierschützer den Haushalt Haushalt sein, versorgten die Daheimgebliebenen mehr als schnell, aßen lediglich bei McDonald und Burger King oder was mitleidige Verwandte und Freunde zur Einsatzzentrale brachten. Tagelange Saunafahrten in überhitzen Autos, die Rücken krumm von den Autositzen, aber ... es hat sich gelohnt. Zeigte uns diese Aktion doch, dass es noch viele Tierfreunde gibt, die sich - ohne wenn und aber - an unserer Suchaktion beteiligten und immerhin waren bei dieser Aktion zwei andere, entlaufene Hunde nebenbei gefangen worden!

Wir danken nochmals für die Unterstützung durch diese lieben Tierfreunde! Weiter so - Ihr wart ein tolles Team!

Irene Schellenbeck

Tierhilfe Licht im Dunkeln e.V.

Bitte achten Sie gerade zu Gefahrenzeiten wie um Silvester auf Ihre Tiere ! Selbst schussfeste Hunde sind nicht sicher. Schon mancher Hund hat Knallangst entwickelt, weil Idioten ihnen Knaller vor die Pfoten warfen. Hunde gehören in der Silvesterzeit an die Leine - egal wie gut sie hören.