Der Kauknoten


Neulich stand ich mal wieder im Tiermarkt vor dem Regal mit den Tierspielsachen, Abteilung Hund. Meine Güte, was es da nicht alles gab. Klein, groß, rund, eckig, bunt, bunter, am Buntesten. Als ob Hunde das beeindrucken würde. Meinen zumindest nicht. Da fiel mein Blick auf einen bunten "Baumwollknoten zur Zahnpflege, besonders robust". Ich nahm ihn mal probeweise in die Hand. Es war ein richtig dicker, schwerer Knoten, der sich wirklich sehr robust anfühlte. Also kaufte ich ihn. Er war nicht ganz billig, er hatte also auch gefälligst robust zu sein.
 

Balu for kanzler

Ich habe einen Belgischen Schäferhund/Harzer Fuchs-Mix vor sieben Jahren aus dem Tierheim geholt. Man wollte ihn dort einschläfern, weil er groß, schwarz und verhaltensgestört war und deshalb als unvermittelbar galt. Heute ist er immer noch groß, schwarz und verhaltensgestört. Als Dank dafür, dass ich ihn gerettet habe, schreddert er Spielsachen aller Art in Rekordzeit. Es gibt nur weniges, was ihm bisher standhalten konnte. Deswegen bin ich bei Neuanschaffungen immer sehr gespannt.

Zu Hause angekommen, zeigte ich den Kauknoten sofort meinem Hund. Er hatte so was seltsames Stoffartiges noch nie im Maul gehabt und war erstmal ein wenig skeptisch. Vorsichtig trug er dieses komische Ding zu seinem Platz und legte es ab. Dann beschnüffelte er es von allen Seiten und sah zu mir rüber, so als wolle er sagen: "Was hast du denn da für ein komisches Teil mitgebracht?" Ich nickte ihm aufmunternd zu. Er schnüffelte noch mal, nahm es dann mal ins Maul, legte es wieder hin, überlegte noch eine Weile und brachte es schließlich zu mir. Ich warf es in die Luft und er fing es auf. So nähert er sich allen fremden Dingen. Wenn er es soweit geschafft hat, ist der Bann normalerweise gebrochen. Und so war es auch jetzt. Ein letzter Blick zu mir rüber, um sich zu vergewissern, dass dieses merkwürdige Ding auch wirklich seins war, ich nickte, und dann legte er los.

Brrrttttzzz, wirbelnde Lefzen, er riss und zerrte, brrrttttzzz, fliegende bunte Fäden, er zog und rupfte, brrrttttzzz, glänzende Hundeaugen, er biss und kaute, brrrttttzzz, schleudernde Hundeohren, brrrttttzzz, noch mehr bunte Fäden, brrrttttzzz, blitzende Hundezähne, brrrttttzzz, hechelndes Atmen, brrrttttzzz. Geschafft !!! Mit einem Seufzer der Zufriedenheit sackte mein Hund nach etwa zehn Minuten in sich zusammen und fiel in einen tiefen Schlaf. Nun sah ich mir erstmal in Ruhe das Ergebnis seiner harten Arbeit an: Er hatte den "robusten" Kauknoten tatsächlich komplett geschreddert. Rechts und links von ihm lag je ein Berg bunter Fäden, herausgerissen und von sich geschleudert, in einer rasenden Geschwindigkeit, dass ich außer fliegenden Fäden, wirbelnden Hundezähnen, -lefzen und -ohren sowie vor Freude strahlenden Augen kaum etwas gesehen habe. "Naja", dachte ich, "mal wieder ein Spielzeug, das nicht so lange gehalten hat wie angepriesen. Aber was soll's, Hauptsache, er hat Spaß gehabt." Damit war die Sache für mich erledigt und ich wendete mich anderen Dingen zu und ließ ihn erstmal ausschlafen.

Doch als er aufwachte, benahm er sich irgendwie seltsam. Er vollführte mit der Zunge merkwürdige Bewegungen, ebenso mit den Lefzen und dem Kopf und steigerte sich da immer mehr rein. Überall hingen an ihm verklebte Fadenreste und ich dachte, dass es vielleicht das sei, was ihn so verrückt machte. Deswegen entfernte ich vorsichtig alle bunten, speichelverklebten Reste: über dem Augenlid pappte einer, am Nasenloch waren gleich mehrere, an den Lefzen hatten sich welche festgesetzt, am Hals klebten einige und über den Ohren war es auch bunt. Er sah eigentlich lustig aus, aber es war nicht zu übersehen, dass es ihm trotz meiner Säuberungsaktion einfach nicht gut ging. Ich hatte das Gefühl, dass er allmählich richtig Panik bekam. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich konnte mir das gar nicht erklären. Irgendwann gähnte er dann und ich konnte zufällig einen Blick in sein Maul erhaschen und da sah ich die Bescherung. Dieser Kauknoten war ja als Spielzeug zur Zahnreinigung ausgewiesen und offenbar hatten einige der Fäden ihren Auftrag ein bisschen zu Ernst genommen, sich als Zahnseide betätigt und waren einfach mal hängengeblieben. Kein Wunder, dass der arme Hund verrückt wurde bei diesem ganzen Zeug zwischen den Zähnen. Und die steckten so dermaßen fest, dass ich drauf und dran war, deswegen zum Tierarzt zu gehen, weil ich sie kaum heraus bekam und irgendwann echt nicht weiter wusste. Das war für uns beide eine wirkliche Quälerei. Ich war schweißgebadet danach.

Nun dachte ich, dass wir das Abenteuer Kauknoten überstanden hatten. Aber weit gefehlt. Etwa einen Tag lang währte die Ruhe. Bis zum nächsten größeren Geschäft meines Hundes, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich erklärte mir das folgendermaßen: Wenn der eifrige Faden die Zahnreihen unbeschadet passiert hat, gelangt er der Anatomie folgend in den Verdauungstrakt. Und wenn alles seinen normalen Gang geht, was bei uns offenbar glücklicherweise der Fall war, dann verlässt der Faden den Hund an dessen hinterem Ende wieder. Zumindest versucht er das. Da der Faden aber in aller Regel länger ist als ... äh ... nun ... wie soll ich ... äh ... also wenn der Hund fertig ist mit ka .... ähm ... also, sein Geschäft erledigt hat, dann hängt der Faden noch hinten raus, weil er halt viel länger ist als, sozusagen, nun Sie wissen schon, was ich meine ... Puh !! Soweit meine Theorie. Und dann wurde mein armer Hund ganz rappelig, weil er merkte, dass da hinten bei ihm was nicht stimmte. Er warf sich auf den Boden und versuchte, das Problem durch Lecken, Scheuern oder Kratzen selber in Ordnung zu bringen, was ihm natürlich nicht gelang. Also musste ich kurz entschlossen und spontan zu einem Papiertaschentuch greifen und den Faden vorsichtig heraus ziehen, was ihm wohl ein unangenehmes Gefühl verursachte, weil er rumzappelte dabei. Ich denke, es kitzelte ihn. Man glaubt gar nicht, wie lang so ein Faden sein kann. Und immer wenn ich einen endlich draußen hatte, kam schon wieder der Anfang vom nächsten mit raus. Die pappten irgendwie aneinander und machten sich wohl einen Spaß daraus, eine lange Kette zu bilden. Eine Fadenkette sozusagen. Meine Nerven !! Ich zog und zog !! Und der Hund zappelte und zappelte !! Und die Leute guckten und guckten !!!

NIE WIEDER KAUKNOTEN !!!

BaluForKanzler

für Tierhilfe Licht im Dunkeln e. V.

Wir danken der Schreiberin für die Einsendung dieser Geschichte und können uns lebhaft vorstellen, wie schwierig es ist stabiles Spielzeug für ihren Hund zu bekommen. Mit einer Mischung Altdeutscher Hütehund und Belgischer Hütehund hat sie sich eine Rasse angetan zu der wir Anfängern nicht raten können. Diese hoch gezüchteten Arbeitshunde können einem das Leben schon anstrengend gestalten, wenn sie nicht ausgelastet sind - und wann sind sie das schon ;-) ?

Otto-Normalhundehalter kann aber in der Regel schon auf die beschriebenen Baumwollknochen zurückgreifen, denn die wenigsten Hunde schreddern sie derart wie oben beschrieben und schlucken auch noch die Fäden. Selbst wenn es mal passiert, dass Fäden heruntergeschluckt wird, so besteht doch keine Gefahr eines Darmverschlusses, keine Gefahr von Darmverletzungen durch harte Gegenstände und mit einem Löffelchen Öl, etwas Kartoffelpüree und etwas ausgespültem Sauerkraut im Futter fällt auch das Ausscheiden verschluckter Fäden etwas leichter.

Andere Spielzeuge, wo härtere, unverdauliche Stücke heruntergeschluckt werden könnten, sind da wesentlich gefährlicher, da diese einen lebensgefährlichen Darmverschluss verursachen können, der dann blitzschnell operativ entfernt werden muss.

Achten Sie also bitte auf Sicherheit bei Spielzeug und lassen Sie Ihre Hunde wirklich nur mit ungefährlichen Sachen spielen, wenn diese nicht beaufsichtigt werden.

Leider sind die meisten Hundespielsachen nur für Spiele unter Aufsicht geeignet.