Die Farbmausschwemme

Kleintierschwemmen kommen immer über Nacht. Immer wieder haben Tierschutzvereine mit unglaublichen Schwemmen an Kleintieren zu kämpfen. So traf uns auch diese Schwemme völlig unvorbereitet. Gerade hatten wir eine Goldhamsterschwemme abgebaut und nur noch ein Goldhamster wartete auf seine Abholung durch die Interessenten. Kleintierschwemmen sind der Horror eines jeden Tierschutzvereines, denn gerade die Kleinnager tragen einen "Geruchspersonalausweis" und lassen sich nicht einfach in eine andere Gruppe integrieren. So werden für die Schwemmen immer eine Unmenge von Käfigen oder Becken benötigt, die kein Tierschutzverein wirklich stellen kann. Zudem decken die wenigen Schutzgebühren für die Tiere, die vermittelt werden, nicht einmal die Futter- und Streukosten. Ein Zuschuss"geschäft", welches sich kleine Tierschutzvereine ohne zusätzliche Spenden kaum leisten können, wollen sie all die Tierchen artgerecht unterbringen.

Wie so häufig hatten wir die Farbmausschwemme der Aufmerksamkeit eines unserer LiDies (Jugendliche Tierschützer aus unserem Verein) zu verdanken. So erfuhren wir, dass in einer Wohnung eine bereits zweistellige Zahl an Farbmäusen in zwei Käfigen untergebracht war, die das Kind, welches die Farbmäuse gerettet hatte, nicht behalten konnte. Wir erfuhren, dass eine Klasse Schulkinder zwischen zwei Unterrichtseinheiten die Stadt unsicher gemacht hatte und in einem Wuppertaler BAUMARKT die Kleintierabteilung sehr interessant gefunden hatte. Schnell verliebten sich die Kinder in die possierlichen Tierchen und welches Kind wünscht sich kein Haustier ? Die Preise waren erschwinglich (aus Sicht der Kinder) - Tierschützer würden sie eher als Dumpingpreise bezeichnen, die Menschen überzeugen Tiere anzuschaffen, deren Zubehör, Pflege und tierärztliche Versorgung sie sich nicht leisten können.

 

Wen wundert es nun, dass die Kinder im Alter von 11, 12 Jahren schnell auf die Idee kamen: "Da werfen wir doch unser Taschengeld zusammen und kaufen uns alle welche...". Man erfuhr jedoch, dass das Gesetz es verbietet, dass 11 und 12-jährige Kinder lebende Tiere - ohne Begleitung von Erwachsenen - einkaufen dürften, aber so schnell wollten die Kinder nicht aufgeben. Und Kinder sind phantasievoll ! Fremde, erwachsene Kunden wurden angesprochen und vermutlich mit den tollsten Geschichten bedacht. Man versuchte wildfremde Menschen zu überreden, dass sie die Mäuse für die Kinder kauften und durch die Kasse schleusten. Es schockierte uns sehr zu hören, dass sich auf diese Räubergeschichten tatsächlich mindestens eine Erwachsene eingelassen haben soll. Die wilden Geschichten der Kinder, die später befragt wurden ergaben aber noch andere Tricks von Zetteln mit fingierten Unterschriften der "Eltern" mit denen man an die Mäuse gekommen haben soll und die von den Kindern selbst unterschrieben worden sein sollen.

Tatsache ist, dass plötzlich eine Schulklasse mit Schülern im Alter von 11-12 Jahren im Besitz von vielen, vielen Farbmäusen war - jedenfalls von so vielen Mäuschen, dass in dem engen Verkaufpappschächtelchen eine Maus erdrückt worden sein soll und starb und eine Maus aufgrund der Kämpfe in der Enge des Schächtelchens ein Beinchen abgebissen wurde. Ob die weiblichen Mäuschen schon vorher "gefüllt" waren oder sich dann in der Obhut der Kinder wild weitervermehrten, konnte nicht ermittelt werden. Jedenfalls erhöhte sich die Zahl der Farbmäuse auf das Übelste. Vermutlich ist es auch nur dem milden Winter zu verdanken, dass die Mäuschen auf dem Transport nicht schon Erkältungen einfingen.

Jetzt fing das Elend für die Mäuschen erst richtig an. Keiner der nachträglich gefragten Eltern erlaubte wohl die Haltung der angeschleppten Mäuse. Die meisten Eltern sollen die Kinder mit Mäusen weggeschickt haben - so nach dem Motto: "Bring dahin, wo Du sie her hast". Eine einfache und erzieherisch nicht besonders anspruchsvolle Verhaltensweise - aber sie hatten die Rechnung nicht mit den Kindern gemacht. Die Mäuse müssen ein grauenvolles Martyrium durchstanden haben, denn niemand half den Kindern bei der artgerechten Unterbringung, niemand erklärte ihnen wie das geht und vor allem erklärte ihnen niemand, wie ungeheuer fortpflanzungsfreudig Kleinnager sind.

Zwar war den Kindern klar, dass die Mäuse etwas fressen mussten und sie schmissen noch ein paar Euro für Futter zusammen, aber über den Rest der Haltung waren sie kaum informiert. Keines der Kinder wusste, dass Farbmäuse alle paar Tage brünstig sind und sich dann versuchen fortzupflanzen. In der Zwischenzeit wurde mit den Mäusen heimlich "gespielt", sie wurden im Keller laufen gelassen, wo niemand die Kinder beobachtete und wo dann schließlich auch eine Maus entlief, die nicht wieder eingefangen werden konnte. Die etwas raue Art mancher Kinder im Spiel bekam den winzigen Tieren wohl auch kaum. So hörten wir Horrorgeschichten vom Rumwerfen der Mäuse. Einer Maus soll sogar versehentlich der Kopf abgetreten worden sein!

Schließlich hatte ein einfühlsames Kind ein komisches Gefühl bei der Sache, Mitleid mit den Mäuschen und versuchte die Mäuse einzusammeln und bei sich in Käfigen unterzubringen. Eine Geschlechterteilung bei winzigen Farbmäusen vorzunehmen, gelingt nur Fachleuten und offensichtlich auch desöfteren in den so genannten "Fachzoohandlungen" nicht, so konnten es die Kinder erst recht nicht. Immerhin leuchtete wohl ein, dass eine Maus mit Babys vielleicht mehr Platz benötigen würde und so wurde ein trächtiges, weibliches Tierchen in einen einzelnen Käfig gesetzt. Die anderen weiblichen u. männlichen Farbmäuse vergnügten sich nun gemeinsam in einem Käfig, waren aber wenigstens in Sicherheit, im Warmen und erhielten Wasser und Futter. Denn hier handelte endlich eine Mutter verantwortungsbewusst und wir wurden als Tierschutzverein um Hilfe gebeten. Bei solchen Einsätzen fahren wir - aufgrund der immensen Fortpflanzungsfreude der Tiere - immer sofort - sozusagen mit Blaulicht - los und sammeln die Tiere ein. Denn WIR können hochrechnen, dass es ein Mäusepaar locker auf bis zu 100 Babies im Jahr bringen kann, wenn man die Brut und die Geschlechter nicht trennt ! Da die Mäusedamen sofort nach der Geburt wieder brünstig sind ist Eile angesagt. Wir holten also die Mäuse SOFORT ab, aber einer solchen Flut konnte unser kleiner Verein nicht Herr werden. Klar war auch, dass SOFORT etwas gegen die Ursache dieser Katastrophe getan werden musste.

Der Wuppertaler Tierschutzverein half und übernahm die Tiere von uns zunächst alle nach einem Tag um sie nach Geschlechtern zu trennen und erst einmal unterzubringen. Es ist ungeheuer wichtig, dass bei diesen Kleintierschwemmen die Tierschutzvereine sich gegenseitig beim Abbau helfen. Dank Internet arbeiten heute schon etliche Vereine diesbezüglich gut zusammen. Als nächste Maßnahme musste dringend dem Geschäftsgebaren des BAUMARKTES Einhalt geboten werden und da machen aufgebrachte Tierschützer wenig Eindruck. Zwar sondierten wir die Lage, fanden aber korrekt untergebrachte Tiere in der Obhut von Tierpflegern vor, aber es bestand zunächst keine Möglichkeit die Geschäftspraktiken auf die Schnelle zu kontrollieren.

So wurde der Wuppertaler Amtsveterinär benachrichtigt, der sich der Sache annahm. Wir sind äußerst dankbar, dass hier so rasch gehandelt wurde, bevor  Wuppertal in einer Mäuseplage erstickt, die sich in Kellern von Wohnhäusern sinnlos vermehren und sich dann in die Wohnungen durchfressen. Auch mit der Schule der Kinder wurde Kontakt aufgenommen und die Lehrer wurden informiert, die Augen und Ohren offen zu halten. War uns doch zu Ohren gekommen, dass noch immer eine arme, kleine Maus in einem Pappkartönchen die Runde in der Klasse machte und von Schüler zu Schüler weitergegeben wurde. Leider ist es uns bis heute nicht geglückt die Maus zu retten und wir vermuten, dass sie wohl kaum noch lebt. Die Schule erklärte ihre Bereitschaft Eltern und Schüler besser über Tierhaltung zu informieren. Zu diesem Zweck kann man sich bei den Tierschutzvereinen Hilfe holen, die gerne über artgerechte Tierhaltung informieren und entsprechendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung haben. Einige Tierschutzvereine halten jetzt schon Arbeitsgemeinschaften in Schulen ab, die darüber informieren, denn gerade über die Kinder können wir die Situation der Haustiere verbessern.

Mal ganz abgesehen davon, dass Farbmäuse Gesellschaft (aber bitte nur Gleichgeschlechtige) von Artgenossen benötigen, möchten wir nicht wissen, wie diese Maus gelitten hat. Von artgerechter Unterbringung kann wohl kaum eine Rede sein. Die Mutter des Kindes, welches sich um das Wohl der Mäuse bemüht hatte, fasste es richtig an. Sie gestattete dem Kind zwei der Mäuschen - aber nur Gleichgeschlechtige - zurückzuholen aus dem Tierheim und zukünftig unter ihrer Anleitung zu versorgen. Zuvor erkundigte sie sich beim Tierschutz in ausführlichen Gesprächen, was für die artgerechte Haltung erforderlich ist und erst als alles parat stand, wurden die Mäuschen in einer ordnungsgemäßen, stabilen, weich ausgepolsterten, ausreichend großen Transportbox im warmen, geheizten Auto abgeholt und per Schutzvertrag übernommen. Na bitte, es geht doch !

Wir können nur hoffen, dass der Wuppertaler BAUMARKT mit der Heimtierabteilung daraus gelernt hat und nunmehr nur noch Tiere an Eltern abgibt. Es ist doch beim besten Willen nicht einzusehen, warum die Kinder ohne Begleitung ihrer Eltern die Tiere abholen müssen - hier reicht unserer Ansicht nicht mal die Unterschrift der Eltern und eine Kopie des Personalausweises der Eltern. Tiere sind Lebewesen und im Winter ist es kalt. Sie müssen ordnungsgemäß und verantwortungsbewusst transportiert und betreut werden und hierzu sind Kinder oftmals nicht in der Lage. Selbst wenn ein erwachsener "Onkel" oder eine "Tante" das Kind zum Kauf begleiten, so steht doch damit nicht fest, ob die Eltern mit dieser "Überraschung" einverstanden sind. Also bitte zukünftig NUR noch Verkauf an ELTERN, die anwesend sind !!!

Ebenso hoffen wir, dass die Lehrer der Kinder aus dieser Katastrophe gelernt haben darauf zu achten, was so in Pappschächtelchen in Pausen und unter Tischen herumgereicht wird. Wir hoffen, dass alle Lehrer - wenn sie lebende Tiere in der Schule sehen - die Kinder nicht mit den Tieren nach Hause schicken oder Räubergeschichten von Anschauungstieren für den Biologieunterricht glauben, sondern die Tiere SOFORT beschlagnahmen und den Tierschutz informieren, damit die Tiere UNVERZÜGLICH ordnungsgemäß versorgt werden. Die Eltern der betreffenden Kinder können sich dann anschließend selbst an den Tierschutz wenden um die Tiere ggf. wieder zurück zu erhalten. So lernen vielleicht auch verschiedene Eltern etwas über Tierhaltung und Verantwortung oder über die geheimnisvollen Machenschaften ihrer phantasievollen Kinder.

Die gleiche Vorgehensweise wünschen wir uns von Eltern, deren Kinder ungebeten Tiere mit nach Hause bringen. Schicken Sie die Kinder nicht mit den Tieren weg, sondern sichern sie die Tiere und bringen sie zum Tierschutzverein. Zu häufig erleben wir, dass kleine Kinder mit Tieren auf der Straße herumlaufen. Meist sind die Tiere in unzureichenden Behältnissen untergebracht, die dem Klima nicht strotzen und die Tiere nicht sicher unterbringen (Nager in Pappkartons !) beim Transport. Oftmals wurden die Tierchen zu jung von der Mutter entfernt und benötigen dringend fachmännische Versorgung. Auch wenn Ihr Kind als tierlieb gilt, macht es unbewusst Fehler im Umgang bei dem die Tiere bös zu Schaden kommen können. Die Verantwortung für Tiere gehört in erster Linie unter die Aufsicht von verantwortungsbewussten Erwachsenen. Nur so kann unkontrollierter Vermehrung, Tiermisshandlung und Tierquälerei vorgebeugt werden.

Wir hoffen für die kleinen, hilflosen Tierchen, dass viele Erwachsene aus dieser Geschichte gelernt haben !

 

Hinweise für Eltern, die ihren Kindern Haustiere schenken möchten !

Für alle, die meinen, dies sei ein bedauerlicher Einzelfall:

Pebbles

Bibi

Die Zwerghamsterschwemme

Die Goldhamsterschwemme

Die Rennmausschwemme