Pflege - nur was fürs Auge oder mehr ?

Eines Tages geriet ich auf die Webseite eines Hundehassers und fand dort einen Artikel - oh, Wunder - der sehr nachdenklich stimmte. Der Autor zog in übelster Weise über Hunde und Hundehalter her und machte sich dabei auch darüber lustig, dass neue Hundehalter in der Regel sehr auf die Pflege ihres Tieres bedacht sind, dies aber dann mehr und mehr nachlässt bis zur Verwahrlosung des Tieres. Erbittert musste ich ihm beipflichten. Natürlich nicht in allen Fällen, aber leider gibt es diese Fälle viel zu häufig und die Argumentation der angesprochenen Hundehalter treibt dabei tolle Blüten der Phantasie, wenn es um die Ausreden geht, warum man seinen Hund nicht pflegt. Unser Pech als Tierschützer ist es, dass wir gerade mit diesen Tieren zu tun haben, denn wenn man bereit ist ein Tier in die Obhut des Tierschutzes zu geben, dann haben sich die meisten Tierhalter vorher schon innerlich von dem Tier verabschiedet. Etlichen Tieren sieht man das dann auch an.

Wir möchten deshalb jetzt einmal beleuchten, ob Hunde- oder Katzenpflegemaßnahmen nur etwas fürs Auge sind oder eine größere Bedeutung haben. Als Tierschutzverein möchten wir natürlich, dass unsere Tiere bald ein gutes Zuhause finden und dabei hilft die Homepage und vor allem Fotos der Tiere. Damit die Tiere dort einen guten Eindruck hinterlassen, bürsten und baden wir also unsere Pflegetiere, kürzen ggf. das Fell, reinigen die Augen und Ohren, schneiden die Krallen und "polieren" unsere Pfleglinge möglichst bald auf. Unsere Fotografen versuchen dann das Ergebnis auf die Website zu bringen. Somit können wir in diesem Bereich auf reichhaltige Erfahrungen zurückgreifen und möchten Sie an unseren Erfahrungen teilhaben lassen.

Alles haben wir im Tierschutz schon erlebt: Hunde, die am Popo so verfilzt waren, dass sie nicht mal Kot absetzen konnten, Katzen, deren Augen so verklebt waren, dass sie sie nicht mehr öffnen konnten, Wolfskrallen, die in Spiralen ins Fleisch stachen, Ohren, die vor lauter Milben nur so wimmelten, hüpfende Flöhe in dicken schwarzen Nestern im Fell, zugewachsene Augen, mit Haaren verstopfte Ohren, mit Kotklumpen verklebte After und Pfoten. Bei solchen Tieren leuchtet natürlich jedem ein, dass sie zunächst auch auf ein gescheites Pflegeniveau gebracht werden müssen - aber was ist mit den vielen, vielen Tieren, die in äußerlich ganz leidlichem Zustand reinkommen ?

Die ersten Pflegemaßnahmen sind für uns ganz wichtig. Nicht nur, dass sie uns helfen den Hund oder die Katze im Umgang und im Verhalten einzuschätzen, sondern sie zeigen uns auch gesundheitliche Probleme und Risiken. An Haut, Fell, Zähnen können wir vieles über den Ernährungszustand und die Haltungsbedingungen in der Vergangenheit der Tiere ablesen. So wird fast jeder Neuzugang bald gebadet, gebürstet und alle Körperöffnungen werden gereinigt. Die Krallen und Zähne werden kontrolliert.

Pflege ist ganz klar nicht nur etwas fürs Auge, sondern bei der Pflege lernen wir viel über das Tier, seine Vergangenheit, sein Verhalten und - was nicht zu unterschätzen ist - die Tiere absolvieren gleich ihre ersten Unterordnungsübungen und lernen die Rangordnung in ihrem neuen "Rudel". Sie lernen beim Heben in die Badewanne gleich, dass wir der Chef sind und dass wir nicht dulden, dass sie herausspringen. Sie lernen, dass wir Mittel und Wege kennen, dass sie bei uns auch Dinge über sich ergehen lassen müssen, deren Sinn sie nicht gleich einsehen. Sehr wichtig ist aber erst recht, dass sie durch vernünftige Vorgehensweise lernen, dass sie sich auf uns verlassen können, wir sie beschützen (vor rutschigen Badewannen und anderen bösen Geistern ;-)) und sie vor Schaden bewahren (Shampon in den Augen oder einem zu harten Wasserstrahl ;-)). Sie lernen, dass wir sie aus gefährlichen Situationen retten können (aus der Badewanne heben) und dass wir dafür sorgen, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden (ein weiches Handtuch liegt bereit und sofort wird der Kopf liebevoll abgerubbelt, denn einen nassen Kopf hassen die meisten Hunde).

Ja, Pflege ist mehr als ein optischer Eindruck. Das merken wir sobald der Hund fein abgetrocknet und gebürstet vor uns sitzt. Die Pflege verstärkt die Bindung zu uns extrem und wächst mit jedem Tag. Gerade Hunde, die in sehr schlimmem Zustand zu uns kamen, sind uns nach tagelangen Pflegeprozeduren "dankbar" und hängen sehr an uns, was man so nicht vermuten sollte. Sie suchen unseren Blick, sie beobachten uns, folgen uns und haben alleine durch die Pflege schon viel gelernt, was sie später als Familienbegleittier benötigen. Sie haben bereits den nötigen Respekt, ein handfestes Vertrauen zu uns und sie genießen den neuen Zustand. Denn kein Hund mag eingewachsene Krallen, kein Hund findet es schön, wenn der Popo verklebt ist und jedes - gerade langhaarige Tier - hat ein Anrecht aktiv an seiner Umwelt teilzunehmen und kann dies in erster Linie, wenn es die Umwelt sehen und hören kann.

So ist auch eine unserer ersten Maßnahmen, dass wir - Rassestandard hin - Züchtermeinung her - JEDEM Hund die Augen freischneiden, damit er sehen kann, denn NUR das ist tierschutzgerecht. Schon dabei erleben wir immer wieder echte Wunder. So bekamen wir einen angeblichen ängstlichen Yorki in unsere Vermittlung, der seine Angst schon zu 50 % verlor, nachdem er wieder gucken konnte, was um ihn herum geschah. Ein kecker kleiner Pony, den wir ihm schnitten, hatte einen neuen Hund - auch im Verhalten aus ihm gemacht.

Doch kämmen und bürsten dient nicht nur schöneren Vermittlungsfotos, sondern lässt uns Parasiten (z. B. Zecken), kleinere Verletzungen, eitrige Abzesse oder sogar Tumorknubbel finden. Häufig entdecken wir erst nach gründlicher Entfilzung unter dicken Haarbüscheln kleinere Entzündungen, tränende Augen, wunde Stellen oder Abzesse durch vereiterte Zähne, die sich wegen Filzplatten und altem Augendreck nicht entleeren konnten. Sogar Schrotkugeln unter der Haut haben wir dabei schon entdeckt und konnten sie so entfernen lassen und den Hund homöopathisch entgiften gegen die Bleibelastung, bevor schlimmeres an gesundheitlichen Folgen eintreten konnte.

Bei langhaarigen Hunden war oft erst nach dem gründlichen Ausbürsten abgestorbenen Fells, feststellbar, dass der angeblich "übergewichtige" Hund gar kein Übergewicht hatte, sondern dringend aufgefüttert werden musste. Und bei der gründlichen Reinigung und dem Beschnitt des Pfotenfells wurden oft im Fell verklebte Steinchen, Glasstückchen oder wunde, entzündete Stellen entdeckt. Manchmal konnten wir nach dem gründlichen Bürsten und freischneiden der Pfoten erst feststellen, dass die Haut von üblen Fehlernährungen Bände sprach, die Pfotenballen spröde und rissig waren oder Verletzungen den Hund oder die Katze quälten. Dies hilft uns mit gezielter Pflege und abgestimmter Ernährung Probleme zu beheben.

So führt dann auch die Pflege häufig dazu, dass die Tiere sich hinterher wohler fühlten, wenn Dreck und Gestank sie nicht mehr belästigten, Stellen nicht mehr schmerzten oder juckten, nachdem Heilmaßnahmen eingeleitet waren. Plötzlich konnte ein Hund wieder laufen - alleine weil wir seine vernachlässigten Pfotenballen wieder elastisch machen konnten. Eine Perserkatze begann plötzlich zu schnurren, weil ihr nach langer Zeit der Popo nicht mehr brannte und ein Kaninchen hüpfte freiwillig plötzlich den Pflegern auf den Schoß, nachdem es merkte wie gut die Bürstmassage tut. Katzen hörten auf zu erbrechen, weil sie nicht mehr ständig loses Fell aufnahmen, wenn sie sich putzten, Hamster hörten auf zu beißen, weil sie nicht mehr durch Milben restlos entnervt waren, die ständig Juckreiz verursachten. Ein Hund konnte wieder hören, obwohl er uns als taub abgegeben wurde, eine Katze hörte auf mit den Krallen nach uns zu schlagen, nachdem die schmerzhafte Hornhautverletzung auf den zugewachsenen Augen frei geschnitten und mit Salbe versorgt war.

Pflege ist also viel, viel mehr als nur fürs Auge - sie ist lebenswichtig für die Tiere, bei denen wir noch rechtzeitig Tumore unter verfilzten Fellplatten entdeckten und die entfernt werden konnten, bevor sie ins Lymphsystem streuten. Sie trägt durch Massage dazu bei, dass die Durchblutung gefördert wird, das Fell glänzender wird, die Haut Schuppen verliert und loses Fell entfernt wird. Man entfernt mit dem regelmäßigen Bürsten kleine Fremdkörper, die Verletzungen verursachen können, die sich dann entzünden können. Man findet Bucheckerreste zwischen den Ballen, ganze Zweige, die den Hund hindern vernünftig die Beine bewegen zu können und die im Fell fest hängen und man entdeckt Zecken, die - unbehandelt - zu tödlichen Krankheiten führen können. Man entdeckt Haarlinge (abgedunkelter Raum - UV-Licht-Taschenlampe), Pilzerkrankungen und andere unangenehme Dinge, die z. Teil auch Menschen anstecken können.

Nicht zu unterschätzen ist aber auch das regelmäßige Training, dass das Tier daran gewöhnt sich untersuchen zu lassen, was in Notfällen beim Tierarzt sehr hilfreich ist und es reduziert den Stress beim Tierarzt. Die Tiere gewöhnen sich daran, dass man sie auch an Stellen, wo sie Berührung nicht so schätzen, anfassen kann und so wird auch die Pfotenreinigung, das Abtrocknen des Hundes nach Regen und das Abspülen der Pfoten nach winterlichem Salzkontakt wesentlich erleichtert. Sie werden feststellen, dass ein regelmäßig gepflegter Hund nicht nur erheblich besser aussieht, sondern sich auch wohl fühlt, gesünder bleibt und zudem eine stärkere Bindung zu Ihnen aufbaut.

Jeder - und wir meinen das so - Hund und jede Katze, jedes Kaninchen, jedes Meerschweinchen und viele Tiere mehr können lernen, Pflegeprozeduren zu genießen, WENN man es richtig anfängt: Mit Liebe, Geduld, Einfühlungsvermögen, Konsequenz und guter Motivation durch z. B. köstlichen Leckerchen. Dazu gehört auch das richtige "Werkzeug", was wir hier vorstellen werden.

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