...und wieder mal kein Abendessen...

Tierschützer kennen keine Öffnungszeiten und so waren wir auch an diesem Tag dankbar über die langen Öffnungszeiten der Fa. LIDL, die garantierte, dass auch wir mal etwas zu essen bekommen und nicht nur unsere Tiere. Mein Tierschutzkollege und ich mussten schon spurten, um noch ein paar Lebensmittel zu ergattern, nachdem die Tiere selbstverständlich vorher versorgt waren. Wir ließen die Hunde zu Hause, denn soooo lange wollten wir ja nicht bleiben. Schnell fuhren wir zu LIDL und sahen zu, dass unser Abendessen gesichert wurde. Schwer beladen mit ein paar Pappkartons kehrten wir zum Auto zurück als mich ein Jugendlicher ansprach: "Machen Sie auch Tierschutz oder fahren sie nur Reklame dafür?" Er wies auf die Aufschrift auf meinem Wagen. "Wir machen auch Tierschutz", war meine Antwort und ich fragte ihn, welches Problem er denn hätte.

Der Jugendliche erzählte mir, dass seine Kumpels und er gerade eine verletzte Taube gefunden hätten, die übel zugerichtet sei. Er winkte seine Kumpels heran, die mit der Taube im offenen Pappkarton rasch ankamen. Sonst ist mein Auto ständig ausgestattet mit Kescher, Faltbox, Fangnetzen und vielem mehr, aber ausgerechnet ein paar Stunden vorher hatten wir vieles herausgenommen, weil wir größere Hilfsgüter zu transportieren hatten. So fehlte prompt die Faltbox für solche Fälle. Mit einem Blick auf die schwer verletzte, blutende Taube schüttete ich rücksichtslos die Lebensmittel in einen Hundekorb, um einen Karton frei zu bekommen, der auch einen Deckel hat. Eine flatternde, panische Taube während der Fahrt konnten wir nun nicht gebrauchen, denn die Sicherheit im Straßenverkehr und die Sicherheit der Retter muss schon immer in erster Linie gewährleistet sein - schließlich wollen wir helfen und nicht gefährden.

Vorsichtig wurde die Taube, die eine große Fleischwunde am Flügel aufwies, umgesetzt in den Karton mit Deckel. Hier war Eile geboten. Vor lauter Blut war nicht erkennbar, ob die Taube von einem Hund oder einer Katze so zugerichtet oder angeschossen worden war. Jedenfalls war nicht mehr sehr viel Leben in der Taube, vermutlich durch den nicht unerheblichen Blutverlust. Wir bedankten uns rasch bei den Jugendlichen, drückten ihnen eine Visitenkarte des Vereins in die Hand, damit sie sich nach dem Tier erkundigen konnten, planten mal wieder unseren Tagesablauf um, vertagten das Abendessen mit knurrendem Magen und mein Kollege nahm den Karton vorsichtig auf seinen Schoß. Da mussten unsere Hunde wohl etwas länger alleine bleiben... Die Taubenklinik war bereits geschlossen und da das Tierchen nicht beringt war, galt es jetzt einen engagierten Tierarzt zu finden, der a) noch auf hatte und sich b) auch um so ein - in vielen Augen - wertloses Lebewesen vernünftig kümmern würde.

So blieb uns der Weg über die Autobahn nicht erspart und wir begaben uns zur Tierklinik einer benachbarten Stadt. Mein Kollege kündigte - wie es sich bei Notfällen gehört - unsere Ankunft mit dem verletzten Tier telefonisch per Handy an, damit der diensthabende "Vogeldoktor" seine Vorbereitungen bereits treffen konnte. Das spart Zeit und ist insbesondere bei Einsätzen um Leben und Tod sehr wichtig. Als wir in der Klinik ankamen, war bereits der Behandlungstisch mit aller erforderlichen Medikamenten und Instrumenten für das Täubchen vorbereitet. Nach vorsichtiger Untersuchung wurde festgestellt, dass die grauenvollen Verletzungen vermutlich von einer Hochspannungsleitung stammten, an die der Vogel geflogen war. Die Taube wurde wegen des hohen Blutverlustes in der Klinik belassen, denn es kann noch nachträglich bei solchen Verletzungen ein Schock auftreten. Dann muss der Tierarzt Maßnahmen ergreifen können und die Beobachtung in einer - rund um die Uhr besetzten - Tierklinik ist sicherer.

Zwei Tage später durften wir die - sichtlich erholte - Taube wieder mitnehmen, als wir mit Hunden zum Impfen fuhren. Wir brachten die Taube in die Quarantänestation einer Erholungsstation für kranke Tauben, wo sie nun bis zu ihrer Flugfähigkeit verbleiben wird. Es wird einige Zeit dauern, denn das Tierchen hatte etliche Schwungfedern bei dem Unfall eingebüsst, die erst nachwachsen müssen. Später wird sie dann umgesetzt in eine große Volière, wo sie Flugversuche üben kann, bevor sie wieder entlassen werden kann.

Gerade Wildtiere und Stadttauben bedürfen ebenfalls Hilfe und wir sind dankbar, dass eine gute Zusammenarbeit mit den entsprechenden Spezialtierstationen besteht. Nicht jeder Tierschützer kann über jedes Tier Bescheid wissen, nicht jedes spezielle Futter können wir für jede Tierart immer frisch zur Verfügung haben und die Haltung von Wildtieren und Versorgung von Stadttauben und Wildtauben unterliegt vielerlei Vorschriften und hygienischer Maßnahmen, die nur auf einer solchen Station gewährleistet sind.

Wir danken den Spezialisten auf diesen Gebieten für ihre immer währende verständnisvolle Unterstützung. Wir haben schon viel von Euch gelernt. Und wir danken insbesondere den aufmerksamen Jugendlichen, dass sie nicht an der verletzten Taube vorbei liefen, wie es viele Erwachsene im Einkaufsstress vorher getan hatten !

 

Irene Schellenbeck

Tierhilfe Licht im Dunkeln e.V.

Das Taubenhaus - eine Unterkunft für Stadttauben und eine Auffangstation für Brieftauben