Gedanken einer Tierschutztochter

 

Wie wird man eine Tierschutztochter?  Tja, wie wird man eigentlich eine Tierschutztochter?

Eigentlich kann das jeder werden. Allerdings klappt das Ganze noch besser, wenn man ein paar Voraussetzungen mitbringt  - so wie ich.

Zum Ersten sollte man eine Mutter haben,

Wenn dann auch noch drittens gegeben ist, dass diese Mutter nicht nur medizinisch interessiert ist, sondern auch noch verdammt viel Ahnung von dem hat, was sie damit macht, ist es schon fast vollbracht.

Hier einmal eine Möglichkeit wie man in die ganze Sache einsteigen kann ...

 

Eigentlich fing ja alles damit an, dass ich unbedingt ein Haustier haben wollte.

Meine Freundin Laura hatte Wüstenrennmäuse, die unglaublich süß waren und dazu auch noch pflegeleicht. Ich wollte unbedingt auch welche haben.

Also musste meine Mutter nur noch überzeugt werden.

Okay - da gab es nur ein ganz kleines Problem.

Meine Mutter konnte mit solch kleinen Tieren damals noch gar nichts anfangen.

Aber doch, ich konnte sie überzeugen. Ich bekam  meine Wüstenrennmäuse.

Da meine Mutter nun auch einen Narren an unseren kleinen Flitzern gefressen hatte, war sie natürlich sehr entsetzt als meine Freundin uns erzählte, dass in ihrem Bekanntenkreis eine einzelne Mongolische Wüstenrennmaus im Tierheim abgegeben wurde. Eine Rennmaus alleine ? Das war doch nicht artgerecht !

Sie setzte sich gleich ans Telefon und klapperte alle Tierheime ab.

Dabei telefonierte sie unter anderem mit einem kleinen Tierschutzverein in unserer Nähe.

Dort war zwar keine Wüstenrennmaus abgegeben worden, aaaaber eine Schwemme an Dschungarischen Zwerghamstern.

Da ich vorher einen solchen Miniling von meiner Freundin in Pflege hatte und wir uns nach den zwei Wochen kaum noch von ihm trennen konnten, dachten wir uns, da fahren wir doch mal vorbei.

Ja, gesagt getan. Wir kamen also in dem Tierschutzverein an und begutachteten die Zwerghamster.

Dabei betrachteten wir skeptisch deren Unterkünfte.

Zwar bemühte sich die Leiterin der Auffangstation den Tieren eine möglichst gute Unterkunft zu geben, dennoch waren es einfach so viele Tiere, dass diese in einem isolierten Schuppen im Garten Unterschlupf finden mussten - und das bei rasant herannahendem Winterwetter !

Meine Mutter natürlich, wie immer sehr besorgt, unterhielt sich also längere Zeit mit der Leiterin und eine knappe Stunde später, waren wir Zwerghamsterpflegestelle von 16 !!! Zwerghamstern.

Dabei blieb es dann aber nicht.

Im Rausgehen fragte meine Mutter leider, was wir noch tun könnten und so wurden wir rasch noch Flugpatenbetreuer, Hundepflegestelle und versprachen dem Verein eine Homepage zu erstellen, womit es dann eigentlich schon heiter los ging.

 

Es war vollbracht:

 

Tja, so fing alles eigentlich an. Und ab da führte ich auch kein normales Leben mehr.

Was ich damit meine? Tja, sagen wir mal so, langweilig war es bei uns eigentlich nie.

Ich erinnere mich da zum Beispiel an eine Sache.

Es war auf jeden Fall im Sommer. Es war tierisch heiß und ich kam von der Schule.

Ich hatte mich schon mit meinen Freunden im Freibad verabredet und wollte nur schnell meine Sachen holen.

Ich freute mich schon darauf, dass meine Mutter mit dem fertigen Essen auf mich wartete.

Aber als ich nach Hause kam war da keine Mama.

Doch auf dem Tisch lag ein Zettel:

 

Hallo Julia,

kannst Du bitte diese Flugblätter in der Nähe verteilen.

Ich melde mich

Kuss Mama.

 

Neben dem Zettel lagen so an die 120 Flugblätter !!!

Also sagte ich das Schwimmen ab und stiefelte los.

Als ich endlich wieder zu Hause ankam, klitschnass geschwitzt versteht sich, klingelte mein Handy:

„ Pack mal eben schnell alle Leinen, Führstricke und Seile die du findest. Ach ja, ´ne Flasche Cola und Hundefutter, wir treffen uns an der und der Tankstelle, da gibt’s dann auch Mittagessen. Wir müssen den Hund suchen, der weggelaufen ist.“

Tja, so verbrachte ich dann auch den restlichen Tag mit der Hundesuche und ... nur einem Snickers im Magen.

Na ja, auf jeden Fall war ich hinterher braun wie ein Brathühnchen, hatte bestimmt 2 Kilo abgenommen und hätte locker eine Abschlussprüfung zur Bergsteigerin problemlos bestanden.

 

Aber so war es ja nicht immer. Bei einer Hundesuche war ich in diesem Sommer NUR noch vier Mal.

Allerdings war ich dann im Winter auch noch im Namen des Tierschutzes unterwegs.

Aber keine Hundesuche - das beherrschte ich ja jetzt schon. Ich weiß nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, aber Tierschutzarbeit ist sehr abwechslungsreich.

Im Winter machte ich Erfahrungen mit Hängebauchschweinen.

 

Das findet Ihr merkwürdig?

Also bitte, ich bin der Ansicht jedes zwölfjähriges Mädchen sollte einmal die Erfahrung gemacht haben, zwei Hängebauchschweine aus einem Reihenhaus geholt  zu haben.  

Ich habe dadurch ungeahnte Qualitäten in mir entdeckt.

So könnte ich zum Beispiel in einer Bewerbung schreiben:

Mich qualifiziert für diesen Job, das ich unheimlich flexibel bin und unheimlich gute Reflexe habe. Oder kann irgendeiner IHRER Angestellten vier Mülltonen gleichzeitig festhalten und damit verhindern das ein Hängebachschwein von 40 kg den Tierarzt auffrisst, dabei gleichzeitig noch eine Hängertür öffnen und Motivationskünstler für die anderen Helfer spielen?

Dinge wie: „Los Mama, beeil dich, wenn du schnell genug rennst überlebst du das Ganze vielleicht sogar !“ Oder: „Das eine Seil, dass um das tollwütige Schwein gebunden ist, ist grade gerissen, aber macht euch keine Sorgen, da ist ja noch das andere Seil und das ist NUR angerissen!“, sind mir ganz leicht von der Zunge gegangen.

Ich meine, welcher Arbeitgeber könnte solch eine Spitzenkraft ausschlagen?

 

Okay, vielleicht ist es nicht immer ganz einfach, aber ich habe auch jede Menge tolle Leute durch den Tierschutz kennen gelernt:

Leute, die im Schlafanzug nachts durch den Wald rennen und Hunde jagen...

Leute, die wir grade erst kennen gelernt haben, weil sie einen Hund übernommen haben, die mit nassen Haaren und nur EINEM geschminkten Auge sofort zur Stelle waren als wir sie brauchten ... (und die jetzt sogar 2. Vorsitzende in unserem Tierschutzverein sind).

Oder die Leute von dieser Sorte, die man schlicht „für ALLES“ einsetzen kann:

Ob es mal eben um Gläser spülen für ein Essen nach einem Transport geht...

oder um mal eben meiner Mutter auf charmante, aber doch sehr ehrliche Art und Weise, zu bestätigen, dass sie DAS doch vielleicht besser nicht zur Jahreshauptversammlung anziehen sollte...

... und die dabei noch schnell im absoluten Chaos die Rede meine Mutter suchen, die spurlos verschwunden war...

... die Leute, die Mama helfen und ihre Wäsche bügeln, während sie sich für das Wohl der Tiere einsetzt...

oder eben die Leute, die sogar aus den Niederlanden mit der gesamten Familie zum PROA-Transport anreisen und ein Kind im LKW abstellen und die anderen Kinder tatkräftig überall mit anfassen lassen, wo eine Hand benötigt wird.

Ja, solche Leute lernt man als Tierschutztochter kennen.

Und auch wenn ich meine Mutter oft für dieses Leben verflucht habe, so habe ich doch so viel dadurch gelernt und so viele Erfahrungen fürs Leben gesammelt, so viele tolle Menschen kennen gelernt und konnte dabei so vielen Tieren helfen.

Wo passiert einem so etwas sonst denn bitte?

In einem Schwimmverein? Beim Ballet? Beim Fußball? Oder etwa auf der Straße beim „Chillen“?

Nein, so etwas passiert einem nur als TIERSCHUTZTOCHTER !   

 

Julia Schellenbeck (damals 17 Jahre - heute 21 Jahre)

Tierhilfe Licht im Dunkeln e.V.

PROA Madrid