
Der Traumhund -
oder wie man Pflegestelle wird...
Gleich unser erster Pflegehund zeigte
uns, wie Hunde aus Spanien so sind: Extrem anhänglich, dankbar, unter der
hiesigen Pflege aufblühend und alles gebend. Sie war ein Schatz ! Oder besser -
sie ist ein Schatz, denn sie lebt heute bei einem jungen Mann und macht ihm -
und seiner Familie - viel Freude.
Das prägt. Wenn meine Tochter und ich darüber sprachen, was wir
uns später - wenn ich mal nicht mehr arbeite oder sie mehr Zeit hätte - für
einen Hund anschaffen würden, dann müsste er sein wie diese Pflegehündin:
Dynamisch, anhänglich, verschmust, verspielt, unkompliziert, treu, lustig, immer
zu Streichen aufgelegt, gut verträglich mit allen Hunden, kurzhaarig, das
Aussehen ähnliches eines Labradors, gehorsam, leinenführig und gelehrig ...
Dann ein gehetzter Anruf von der Vorsitzenden des
Tierschutzvereines, wo ich damals half: " Schreib Dir mal ´ne Nummer auf und ruf da an. Da kommen in 10
Minuten Leute zu Dir, die bringen Dir ´nen Hund. Tu mir den Gefallen und nimm
den bitte bis morgen und bringe ihn zum Tierarzt. Wenn er gesund ist, dann
kannste ihn mir morgen ins Rudel bringen. Is´ ein Fundhund . " Da blieb nicht
viel Zeit zum Überlegen.
Sie kam und war nun so absolut nicht unser Typ von Hund !

Der Fundhund damals
Langhaarig, ein Schäfer-Collie-Mix, stank wie die Pest, hatte
Flöhe, war fett, dreckig, hatte stumpfes Fell und beachtete uns überhaupt nicht.
Sie zog nur panisch geradeaus, hatte vor jedem Geräusch Angst, wollte nach der 6
stündigen Autofahrt stundenlang kein Pipi machen und kostete mich damit den
letzten Nerv. Stündlich machte ich mich mit ihr auf die Socken, die ganze Nacht
durch, damit sie sich endlich löste. Keine Chance. Als ich dem armen Tier nach
15 Stunden vom Tierarzt einen Katheder setzen lassen wollte, kam endlich das
ersehnte Pipi und mehr. Ich glaube, bis dahin hatte ich soviel Mitleid, dass der
Mutterkomplex sich irgendwie regte.
Schlecht erzogen, wie die Hündin war, besprang sie dreckig und
stinkig sofort die Sofas und warf dabei alles Umstehende um. Nachts beschloss
sie aus Angst lieber in unserem Bett zu schlafen und raubte uns mit ihrem
Gestank das letzte bisschen Sauerstoff. Drei Tage brauchten wir alleine, um die
Hündin zweimal zu baden, ordentlich zu entfilzen und zu halbwegs regelmäßigem
Stuhlgang zu bewegen. Kilometer um Kilometer gingen wir spazieren und versuchten
ihre überschüssigen Kalorien runterzukriegen.
Drei Tage ?! Warum war sie eigentlich noch bei uns ? Sollte
doch nur einen Tag bleiben ! Na ja, der Verein hat ja nun auch nicht so
viel Zeit, dass man jeden neuen Hund aufrüschen kann und wenn DIE mit IHREN
Ängsten nun auch noch in unser Rudel käme .... würde sie dort wohl regelmäßig
Pipi machen mit ihren Ängsten ? Wo sie doch bei uns nur unter bestimmten
Bedingungen und auf bestimmten Plätzen dazu bereit war ? Da sollte sie doch noch
ein paar Tage länger zur Erholung bleiben, dachten wir. Nur ein paar Tage !
Und diese Ängste ! Von Touristen im Urlaub auf einer
Autobahnbrücke ohne Halsband aufgegriffen, vermutlich ausgesetzt auf dem Weg in
den Urlaub, gab es eigentlich nichts, wovor sie keine Angst hatte. Straßen,
Autos, eigentlich jedes Geräusch, Flugzeuge, Knaller, Kinder, die mit
Knallplättchen in weiter Ferne schossen, andere Hunde, andere Menschen ... die
Aufzählung würde Seiten in Anspruch nehmen. Stur und panisch starrte sie auf
Spaziergängen nur geradeaus, rannte um ihr Leben, nur die Leine hinderte sie an
panischer Flucht und sie erleichterte sich erst, wenn wir bestimmte, sehr ruhige
Plätze anboten und sie beim besten Willen die Muskeln nicht noch mehr
verkrampfen konnte.
Sie schnupperte an keinem Baum, keinem Strauch, ein Spaziergang
im Wald war unmöglich (da könnten ja Monster hinter den Bäumen stehen) und an
der Straße erst recht. Nur auf ganz ruhigen, weiten Wiesen war es ein bisschen
besser. Aber hier waren viele andere Hunde und wenn wir denen begegneten, dann
schmiss sie sich voll Demut platt auf den Bauch - natürlich nicht ohne vorher
den Schwanz so weit wie möglich unter dem Bauch und zwischen den Beinen
verschwinden zu lassen - , legte die Ohren demütig zurück und zeigte die ganze
Palette von Demutsgesten, die ein Hund so drauf hat.
Kurz sie war genau das, was wir auf keinen Fall haben wollten.
Sie stank aus dem Maul, stank aus dem Fell, haarte entsetzlich, hatte Schuppen
und Flöhe, kannte überhaupt kein Spielen ( ein langsam über den Boden rollender
Ball könnte ja auch eine gezündete Handgranate sein ) und zerrte wie verrückt an
der Leine. Spaziergänge mit ihr waren die Hölle und wir für sie die unwichtigste
Nebensache der Welt. Körperkontakt und schmusen interessierte sie nicht, nur
nachts schwitzten wir mit dem Langhaarhund im Bett und hatten keinen Platz. Nach
der verschmusten Pflegehündin, die so gerne mit uns ein Kopfkissen teilte und
unter der Decke schlief, eine bittere Enttäuschung !
Als sie kam wirkten ihre Pfoten fast unbenutzt, der ganze Hund
wirkte wie von einem älteren Menschen, der sie restlos verwöhnt und überfüttert
hatte und nur wenige Schritte mit dem Hund hinaus gegangen war. Die Ballen sahen
aus, als wäre sie Zeit ihres Lebens nur auf Teppichboden oder Rasen gelaufen.
Das konnten wir ihr im Januar leider nicht bieten. Dafür waren alle Straßen und
Wege übersät mit Rollsplitt und Streusalz, die ihre Ballen schwer schädigten.
Alles Waschen, Einfetten und selbst das Tragen von teuren Hundeschuhen brachte
keine Erleichterung. Viermal musste Rollsplitt aus den Rissen der Ballen
operativ entfernt werden. Beim ersten Mal machte das noch die Tierärztin, aber
dann legte ich mir vorsorglich Unmengen von passendem "OP-Besteck" selbst zu und
lernte operieren. War doch auch ihre Angst vor Tierärzten riesengroß.
Doch nicht nur die Pfoten waren empfindlich. Eigentlich gab es
kein gesundheitliches Elend, was sie nicht hatte. Unsere Freizeit zwischen den
Spaziergängen verbrachten wir bei unterschiedlichen Tierärzten. Anfangs wegen
ihres Geruches "Stinkie" genannt, reagierte sie so gut auf diesen Namen, dass
wir ihr einen Namen mit zwei "i" gaben: WINNIE !
Als wir bereits Interessenten für Winnie hatten und mit denen
gemeinsam den Tierarzt aufsuchten, kam ein weiterer Schreck hinzu: Was wir
bereits geahnt hatten, aber bisher wegen vorrangiger Verletzungen zurückgestellt
hatten, Winnie ist stark sehbehindert und wird sicherlich kurzfristig erblinden.
Die Interessenten traten zurück und nach eingehenden Informationen durch mehrere
konsultierte Tierärzte wurde klar, dass dieser Hund ein Riesenkostenfaktor und
damit schwer vermittelbar werden würde. Täglich zweimal Cortisonsalbe (Tube 25,-
Euro), eventuelle drei Augenoperationen ( jeweils 250,- Euro), gelegentliche
Cortisonspritzen ( jeweils 40,- Euro ) - wer nimmt schon so einen Hund ? Ein
Tierarzt meinte sogar: "Mit den Ängsten und dann blind ? Die können wir in
spätestens einem Jahr einschläfern." (Da Hunde Nasentiere sind, beschloss ich ab
diesem Tag keinem Tierarzt mehr alles zu glauben und jede Diagnose kritisch zu
hinterfragen.)
Es kam dazu, dass die panisch, überängstliche Hündin sich
inzwischen extrem zu mir hingezogen fühlte und an meinem Bein klebte. Meine
damalige
Tierärztin brachte es auf den Punkt: " So eine ängstliche Hündin ! Und wie die
jetzt schon extrem an Ihnen klebt ! Behalten Sie sie doch. Ist ein Collie-Mix,
typisch Collie: Freundlich zu jedem, aber verliert ihr Herz nur an einen
Menschen. Sie liebt halt nur ihren "Schäfer", hat man bei Hütehunden oft. Die können Sie nicht mehr abgeben. Dann kriegt die noch einen Knacks
weg in der Seele und dann kriegt man sie vermutlich nicht mehr hin. "
Ja, das hatte der Verein auch schon vorgeschlagen. Aber
dazu hat eine alleinerziehende, berufstätige Mutter ja weder die Zeit, noch das
Geld. Kein Argument sagte die Tierärztin. Bei DER Psyche wäre es viel wichtiger,
dass die Hündin ein festes Zuhause bekäme und ihre Hunde seien während der Zeit
des Studiums viel länger allein gewesen, das mache nichts, wenn man sich
ansonsten viel mit dem Hund beschäftige.... Kein Argument, sagte die Vorsitzende, der Verein würde die Kosten für die Augenerkrankung schon
übernehmen, wenn der Hund nur ein gutes, dauerhaftes Zuhause hätte und
vernünftig medizinisch betreut würde. Ob ich den kleinen Angsthasen nicht in
Dauerpflege nehmen könne?
Und so hatten wir plötzlich einen Hund, wie wir genau keinen
haben wollten ! Der Kampf gegen die Blindheit und die anderen Erkrankungen hat
uns zusammengeschweißt und Winnie gibt sich täglich Mühe der wundervollste Hund
für uns zu sein und inzwischen ist sie es längst ! Aufgrund ihrer großen Liebe
zu uns macht sie täglich Fortschritte und ist ein völlig anderer Hund geworden.
Stolz trabt sie im Imponiertrab mit erhobener Rute auf fremde
Leute und Hunde zu, sie hat spielen gelernt, Hundefreunde gefunden mit denen sie
ausgelassen spielt, hat sogar apportieren gelernt, rennt mit Freude hinter
Spielzeugen her, hat gelernt fröhlich zu bellen, war nach wenigen Tagen der Star
in der Anfängertruppe der Hundeschule und hat sogar ihre Angst gegen Flugzeuge
und so manchen Knall in den Griff bekommen. Nur gegen Donner und Kracher hat
ihr Vertrauen zu mir keine Chance ! Dann rennt sie immer noch panisch von
dannen.

Winnie mit ihren
Kumpels auf der Wiese
Sie ist einfach nur ein toller Hund ! Der " beste Hund von
allen " würde Ephraim Kishon sagen ! Und nie wieder würden wir sie hergeben.
Wäre auch schwierig, denn von Frauchen getrennt, schlüpft sie mit ihren
Collie-Faltohren aus jedem Halsband oder Geschirr und rennt zur " Mama " zurück.
Für alles, was sie uns gibt, sind wir gerne bereit, unsere Freizeit beim
Tierarzt zu verbringen, weiter gegen die aufsteigende Blindheit zu kämpfen und
sie durch Übungen auf die bevorstehende Blindheit vorzubereiten ! Auch das
werden wir gemeinsam durchstehen. Sie ist "unser Hund", hat sich 100 %-ig für
uns passend gemacht. Kurz, SIE hat sich ihr neues Zuhause gesucht und es
gefunden.

Winnie liebt
Seidenkissen
Diese Geschichte habe ich geschrieben, weil oftmals Leute mit
ganz konkreten Vorstellungen über Alter, Größe, Rasse, Charaktereigenschaften,
Erziehung .... des Hundes zu uns kommen. Sie meinen, es müsste der Hund ihrer
Träume sein, den sie finden müssten. Quatsch !!! Der Hund ihrer Träume wird SIE
finden, wenn SIE ihm eine Chance dazu geben und ihm geben, was jedes Lebewesen
braucht:
Liebe, Wärme, Zuversicht, Einfühlungsvermögen,
Sicherheit, gesundes Futter, artgerechte Haltung,
Bewegung, Gesellschaft, Treue !
Der Hund wird es Ihnen vielfach zurückzahlen !
Wie es bei uns täglich Winnie tut und
jeder weitere Pflegehund es getan hat,
der bei Winnie und uns seine Vermittlungszeit verbrachte !
Und vielleicht zeigt diese Geschichte auch, wie man
Pflegestelle für Tiere werden kann, die man eigentlich dachte nicht halten zu
können.
Denn siehe da, trotz fehlenden Geldes und trotz
Berufstätigkeit:
Wir sind jetzt Pflegestelle für Hunde und Zwerghamster
und es klappt - sogar prima !!!!!!!!!!!!!
Vor der Arbeit gehen wir eine Stunde über die Felder, dann
macht Winnie ein Schläfchen auf Mamas Kopfkissen und Mama geht arbeiten (Knochen
verdienen, sage ich ihr dann), am späten Mittag geht Mama mit Winnie in den
Wald ( wegen der Augenerkrankung darf Winnie nicht in die Sonne ),
regelmäßig springt eine liebe Freundin als Hundesitterin ein und nachmittags
folgt der nächste Spaziergang im Wald.

Winnie und ihr Kumpel
Trus beim Simulatankauen bei der Hundesitterin
Winnie begleitet uns überall in der Freizeit - auch bei der
Tierschutzarbeit - und abends hat Winnie ihren regelmäßigen Treffpunkt
und langen Spaziergang mit " ihrem Hundefreunderudel " auf den umliegenden
Feldern oder im Park. Und wenn wir nachts mit unserer Arbeit an der Homepage für
Tierhilfe Licht im Dunkeln fertig sind, dann drehen wir noch eine kleine Runde über Asphalt
zur Krallenpflege.

Winnie mit Toffee & Trus beim Spaziergang
Logisch, dass Winnie lieb zu Zwerghamstern, Wüstenrennmäusen,
Katzen und den Pflegetieren
von Tierhilfe Licht im Dunkeln ist und sich mit allen super versteht. Sie hat
sich ja passend gemacht !
Schließlich ist sie ein TRAUMHUND !
Was macht es da, dass wir keinen Urlaub mehr an Seen, Meer oder
im Schnee machen können, weil ihre Augen das nicht vertragen und nur noch
Ferienhäuser buchen können und unser Auto mit UV-Schutzfolie einem Proletenmanta
gleicht... ?
Sie war ein Traumhund und wird immer in
meinem Herzen bleiben...
Winnie hatte ein gutes und erfülltes Leben,
bevor sie an Krebs erkrankte und nur noch kurze Zeit lebte. Im Alter von
geschätzten 12 Jahren musste ich den schwersten Liebesdienst an ihr verrichten.
Sie wurde übrigens bis zu ihrem Lebensende
nicht vollständig blind und kam mit ihrer Sehbehinderung zurecht. Gut, dass wir
damals nicht auf den Tierarzt hörten und sie vorzeitig einschläfern ließen.
Insbesondere Winnie ist es zu verdanken, dass
der Verein Tierhilfe Licht im Dunkeln e.V. gegründet wurde.
Sie starb in meinen Armen und noch heute weine ich bitterlich, wenn ich daran
denke. Sie fehlt mir furchtbar ! Sie war zu einem Teil von mir geworden.

Ihre Asche konnte ich Heim holen und sie zu
ihrer Freundin Toffee, die sich später dazu gesellte und die leider eine Woche
nach Winnie ebenfalls erlöst werden musste, gesellen.
Nie mehr wird sie zu meinen Füßen liegen, aber
ich bin sicher...
... eines Tages wird MICH wieder ein
Traumhund finden !
P.S.: Inzwischen hat mich ein neuer Traumhund gefunden. Sie
suchte mich aus als ich ein Tierschutzpraktikum in einem befreundeten Tierheim
machte. Sie folgte mir auf Schritt und Tritt, quetschte sich durch die Tore,
wenn ich das Gehege passierte. Notorisch verlangte sie mitgenommen zu werden -
was sollte ich da tun ? Erstaunlich - wieder sieht sie völlig anders aus, als
ich mir meinen neuen Traumhund vorstellte. Ich bereue es nicht, dass ich mich
schon zum zweiten Mal habe "aussuchen lassen". Und erstaunlich wie viele
Parallelen es zu Winnie gibt, wenn doch das äußerliche Erscheinungsbild ein
anderes ist und auch der Charakter so anders. Ok, sie ist wieder nicht
kurzhaarig, aber wir haben Abhilfe geschaffen und eine gute Schermaschine
gekauft ;-).
copyright Text: I.
Schellenbeck - Tierhilfe Licht im Dunkeln e.V.